Ein Marktstand in Afghanistan. Foto: David Mark
Ein Marktstand in Afghanistan. Foto: David Mark

Hunger und Armut sind in Afghanistan auf dem Vormarsch.

Die humanitäre Lage in Afghanistan ist nach 20 Jahren Militäreinsatz des Westens katastrophal. Die Welthungerhilfe warnt vor einer dramatischen Zuspitzung der humanitären Krise im kommenden Winter und einer weiteren Zunahme von Hunger und Armut. Mehr als die Hälfte der Menschen ist bereits heute auf Überlebenshilfe angewiesen, also auf Nahrung, Trinkwasser, medizinische Versorgung und Unterkünfte. 14 Mio. Menschen haben nicht ausreichend zu essen, d.h. jeder Dritte Einwohner des Landes hungert. Verschärft wird die Lage durch einen Anstieg der Vertriebenen und Rückkehrer: Seit Beginn 2021 sind rund 630.000 Menschen wegen der Kämpfe im Land aus ihren Dörfern geflohen. Hinzu kommen knapp 1 Million Rückkehrer aus den Nachbarländern wie Iran, von denen ebenfalls viele ohne Hilfe und Perspektive in Kabul landen. Die Vereinten Nationen befürchten, dass die Armutsrate im nächsten Jahr auf 97 Prozent steigt, wenn sich die Versorgungslage nicht verbessert.

„Das Land steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Besonders in den ländlichen Regionen ist die Not groß.“

Thomas tenBoer, Landesdirektor der Welthungerhilfe

„Das Land steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Besonders in den ländlichen Regionen ist die Not groß. Unsere Erkundungsmissionen in Dörfern im Norden und Osten des Landes haben große Zerstörungen und ein riesiges Ausmaß an Armut, Hunger und Verzweiflung gezeigt. Die Menschen befinden sich in einem Teufelskreis. Das Bankensystem funktioniert nicht, es fehlt Bargeld, die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen und vor allem alleinstehende Frauen wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Sie haben keinerlei Einkommen mehr und können ihr Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen. Im Winter wird sich die ausweglose Lage noch einmal dramatisch verschärfen. Viele Häuser sind durch die Kämpfe zerstört worden und bieten kaum Schutz vor den Temperaturen weit unter Null,“ beschreibt Thomas tenBoer, Landesdirektor der Welthungerhilfe, die dramatische humanitäre Lage im Land.

Schon vor der Rückkehr der Taliban war das afghanische Leben karg. Foto: Amber Clay
Schon vor der Rückkehr der Taliban war das afghanische Leben karg. Foto: Amber Clay

Die Welthungerhilfe wird in den kommenden Wochen knapp 60.000 Menschen zusätzlich in verschiedenen Provinzen, vor allem im Norden Afghanistans, mit Überlebenshilfe unterstützen. Die Familien erhalten warme Kleidung und Decken für den Winter. Außerdem werden Nahrungsmittel wie Mehl, Reis, Öl und Linsen sowie Pakete mit Hygieneartikeln wie Seifen verteilt. Die Welthungerhilfe plant, die Nothilfe im Winter weiter auszuweiten. Seit fast 30 Jahren leistet die Welthungerhilfe humanitäre und langfristige Entwicklungshilfe in Afghanistan und hat bislang auch mit Unterstützung der Bundesregierung 160 Projekte im Wert von 130 Millionen Euro durchgeführt.

„… die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen und vor allem alleinstehende Frauen wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Sie haben keinerlei Einkommen mehr und können ihr Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen. Im Winter wird sich die ausweglose Lage noch einmal dramatisch verschärfen.“

Thomas tenBoer, Landesdirektor der Welthungerhilfe

Hintergrund

Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland; politisch und konfessionell unabhängig. Sie kämpft für „Zero Hunger bis 2030“. Seit der Gründung im Jahr 1962 wurden mehr als 10.369 Auslandsprojekte in 70 Ländern mit 4,2 Milliarden Euro gefördert. Die Welthungerhilfe arbeitet nach dem Grundprinzip der Hilfe zur Selbsthilfe: von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen.

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