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Remscheid

Für eine Stunde guter Musik

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Ein 17-stündiger Trip nach Hamburg – und zurück.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diejenigen, die jetzt diese Zeilen lesen, denken: Ja mei, selbst Schuld. Wer macht schon eine siebzehnstündige Reise für nur eine einzige Stunde mit guter Musik? Die Antwort ist leicht: Ich. Jörg und ich. Vielleicht erinnern sich einige der Lesenden daran, dass wir vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren so etwas Ähnliches durchgeführt hatten: Ab in die Hamburger Elbphilharmonie wegen eines hierzulande noch wenig bekannten italienischen Jazz-Pianisten namens Kekko Fornarelli. Solche Reisen sind für uns ein Fest, starteten sie doch am Ende der 90er Jahre mit einer Fahrt zu einem Pat Metheny Konzert – nach Mailand. Wir sind es also gewohnt. Spannend ist allemal die Frage, ob uns das Alter eines Tages sagt: Genug, ihr Narren. Bleibt zu Hause oder fliegt. Solange mich meine Füße tragen, mag das Alter maulen so lange es will.

Wieder nach Hamburg

Diesmal also wieder nach Hamburg. Am Donnerstagmorgen lud mich Jörg in sein Auto ein. Um zehn Uhr Abfahrt zum Hauptbahnhof nach Dortmund. (Warum ausgerechnet Dortmund, mag man sich fragen. Berechtigt. Aber der letzte Zug – 22.46 Uhr ab Hamburg – fährt nach Dortmund über die Ruhrgebietsstrecke und nicht über die Bergische.) Wir wollen nicht zur Elbphilharmonie, aber zum unweit gelegenen Michel, der Kirche St. Michael, wie sie ordnungsgemäß heißt. Wir haben das weltbeste Gesangsoktett „Voces 8“ bereits diverse Male gesehen und gehört, auch in Remscheid, wo sie in der Lenneper Stadtkirche sangen, aber die große Klasse und die äußerst geschmackvolle Auswahl der Musik lässt uns auch reisen, um an einen solchen Ohrenschmaus zu kommen.

Gerade in Hamburg angekommen, braucht der Berichterstatter schon wieder Nikotin. Foto: Jörg Rosky
Gerade in Hamburg angekommen, braucht der Berichterstatter schon wieder Nikotin. Foto: Jörg Rosky

Die Hinfahrt erledigt sich wie im Flug. Um Viertel nach zwei sind wir am Hamburger Hauptbahnhof angekommen, haben die Masken abgelegt und den Weg zu einem riesigen Geschäft eingeschlagen, das den Namen eines Planeten führt und in Deutschland das immer noch beste (und preiswerteste) Angebot an altertümlichen CDs besitzt. Da kramen wir so 90 Minuten rum, und ich verlasse das Etablissement mit Rock und Klassik, alles dabei zwischen Grand Funk und Bach.

Im "Old Comercial Room". Gleich kommt das Riesenschnitzel. Foto: Jörg Rosky
Im „Old Comercial Room“. Gleich kommt das Riesenschnitzel. Foto: Jörg Rosky

Sodann ein mir verhasster Fußmarsch über die Mönckebergstraße hin zum Rathaus der Stadt, verhasst, weil eine eklige Muskelverkürzung mir das Wandern nicht leicht macht. Und ehe wir uns versehen – vielleicht waren es zweieinhalb Kilometer – sind wir am Michel. Direkt gegenüber gibt es ein alteingesessenes Restaurant namens „Old Comercial Room“. Das kennen wir aus früheren Reisen in die Hansestadt. Also nichts wie rein und den Hunger gestillt, Jörg mit Labskaus, ich mit einem Original Wiener Schnitzel, das auf der Platte eher die Ausmaße eines halbhohen Wiederkäuers hat. Aber wir fühlen uns gut nach Essen, Espresso und Entspannungszigarette.

Auf dem Weg zum Michel: Das Hamburger Rathaus. Foto: Jörg Rosky
Auf dem Weg zum Michel: Das Hamburger Rathaus. Foto: Jörg Rosky

Der Michel hat acht verschiedene Eingänge und ist im Inneren größer, als es von außen zu vermuten ist. Voces8 haben angekündigt, von allen Emporen der 132 Meter hohen Kirche, in der unter anderem auch Carl Philipp Emanuel Bach begraben liegt, zu singen. Was für das im Innenraum befindliche Publikum bedeutet, dass die drei Sängerinnen und fünf Sänger nicht immer zu sehen sein werden, was darüberhinaus das Fotografieren so gut wie unmöglich macht. Damit die Singenden die nächste Empore erreichen können (und zwar ohne Luftnot zu bekommen, denn Luft brauchen sie zur Ausübung ihrer Kunst), spielt der Kantor der Kirche einige Interludien.

Pünktlich um 19.30 Uhr geht es los. Das Oktett singt Hildegard von Bingen und andere Musik, die älter als 1000 Jahre ist. Und bei alter Musik wird das Programm bleiben, mit wenigen Ausnahmen: Peter Eldridge zum Beispiel, normalerweise ein amerikanischer Jazzmusiker, hat mit „Prayer“ einen hingebungsvollen Choral komponiert, der von abenteuerlichen Tonart-Sprüngen lebt und zugleich allerhöchst sensibel ist – ein Fest für jedes erstklassige Ensemble. Orlando di Lasso erklingt, sicher der berühmteste Komponist der Renaissence, dazu Monteverdi und der unnachahmliche Thomas Tallis. Die Sopranistin Andrea Haines, ansonsten die auffälligste Stimme bei Voces8, verfügt über die Fähigkeit, ihren strahlenden Sopran sozuhören zu „verstecken“, ihn im Gruppenklang aufgehen zu lassen, sich zu integrieren, nicht selbstverständlich für Musiker dieser Güteklasse. Eine Stunde vergeht schneller als im Fluge, eine Stunde, in der dreierlei aufgefallen ist: Ja, Voces8 sind das weltbeste Gesangsoktett. Ja, die Kirche St. Michael ist zu groß für einen solch filigranen Klang, weil: Ja, der Sound „verschwimmt“ im Innenraum der Kirche, die Laute „tz“ und „ss“ klingen nicht sauber, weil die Musiker annährend 50 Meter entfernt singen. Und dann ist Schluss. Mit Zugabe 65 Minuten. Aber in der Musik geht es um Qualität und nicht etwa um Quantität. Schön, dass sich Voces8 ausnehmend viel Zeit für ihr Publikum nehmen. Der musikalische Leiter des Ensembles, Barnaby Smith, steht am CD-Stand und schreibt Autogramme, Tenor und Bass stehen vor der Kirche und plaudern ungezwungen und frei von jeglichen Spleens mit ihren Fans. Nach einem Smalltalk mit Sopranistin Molly Noon („Thank you to listen to us.“ – „Thank you. It’s our pleasure to listen to you.“) machen Jörg und ich uns so langsam auf dem Weg Richtung Hauptbahnhof. Es bleibt reichlich Zeit – der Zug soll um 22.46 Uhr Hamburg in Richtung Süden verlassen. Auf halber Strecke streike ich, die Muskelverkürzung wird richtig ekelig. Also ab in die nächste U-Bahn, die uns in drei Minuten zum Ziel bringt. Also noch mehr Zeit. Der Zug kommt pünktlich, bleibt aber fünfzehn Minuten unverrichteter Dinge stehen, weil er auf Anschlussreisende wartet. Seufz. Aber um 23.02 Uhr geht’s los. Und als wir um kurz vor 2 Uhr wieder in Dortmund sind, hat der großartige ICE-Lenker die Verspätung auf 6 Minuten reduziert. Dann noch vierzig Minuten auf der Autobahn – und endlich zu Hause. Bevor ich schlafen gehe, bemerke ich deutlich, dass auch ich – welch Wunder – nicht jünger werde.

Wichtige Alben von VOCES8, mit Autogrammen versehen, LUX auf der Cover->Rückseite. Foto: Peter Klohs
Wichtige Alben von VOCES8, mit Autogrammen versehen, LUX auf der Cover->Rückseite. Foto: Peter Klohs

Anmerkung: Da wir im Laufe des Trips gemerkt haben, dass Jörgs Handy bessere Fotos machen kann als meines, hat er viele der abgedruckten Fotos gemacht. Allerdings habe ich zu spät darauf geachtet, dass auch er mal im Bild ist. Ich hoffe, er wird es mir verzeihen. Alle Fotos sind also entweder von Peter Klohs oder von Jörg Rosky.

Für Interessierte: Voces 8 sind ein Vokaloktett aus England in folgender Besetzung:

  • Barnaby Smith – Countertenor
  • Andrea Haines – Sopran
  • Molly Noon – Sopran
  • Katie Jeffries-Harris – Alt
  • Blake Morgan – Tenor
  • Euan Williamson – Tenor
  • Christopher Moore – Bariton
  • Jonathan Paicey – Bass

Das Ensemble hat ein weitgefächertes Repertoire zwischen tausend Jahre alter Musik und Jazz und zeitgenössischen Komponisten. Ihre CDs erscheinen zum größten Teil bei Decca Classics. Legendär ist eine sinnerweiternde Version des Oktetts von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ auf der CD „Winter“.

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