Joy Kammin war als Erste am Mikrofon und Julia Gómez Avilés interpretierte das Gehörte tänzerisch. Foto: Sascha von Gerishem
Joy Kammin war als Erste am Mikrofon und Julia Gómez Avilés interpretierte das Gehörte tänzerisch. Foto: Sascha von Gerishem

Das internationale Tanzfestival „tanzt.jetzt!“ fand zum zweiten Mal in Lüttringhausen statt. An vier Orten gab es spannende Aufführungen mit zeitgenössischem Tanz.

Beim Auftakt im vergangenen Jahr regnete es in Strömen. Als Wiedergutmachung war den fünf Tänzer*innen, die zeitgenössischen Tanz mitten zu den Menschen bringen wollten, in diesem Jahr Sonne und strahlend blauer Himmel beschieden. Über vierzig Zuschauende sind der Einladung von Joy Kammin gefolgt und warteten an der Heimatbühne geduldig auf die erste Aufführung. Doch statt sich nur zuzuschauen, war die direkte Beteiligung nicht nur möglich, sondern auch erwünscht: Ein Mikrofon war aufgebaut, das den Zuschauenden die Möglichkeit zur Teilnahme gab. Egal ob Entensprache, Klatschen oder ein „Geht Sonntag wählen!“ einer jüngeren Zuschauerin, Tänzerin Julia Gómez Avilés improvisierte zu den Geräuschen. Als Bühne diente ihr dabei einfach ein alter Teppich. So reagierte Julia sportlich zackig, als ins Mikrofon geklatscht wurde, tanzte als ein Duo spontan ein paar Zeilen eines Popsongs einsangen oder hob zum Flug eines Vogels an, an sanft gepfiffen wurde.

Weiter ging es zum künftigen Gartenlokal von Ali Topbas. Bei live gespielter Gitarrenmusik wurde das Publikum Zeuge eines Liebesreigens zwischen Naomi Kamihigashi und Thomas Walschot, die auch im echten Leben ein Paar sind. Astrid Bramming versuchte, die beiden zu trennen, warf sich zwischen sie – doch erfolglos. Am Ende träumten alle drei gemeinsam mit der Sonne im Gesicht.

Astrid Bramming versuchte erfolglos sich zwischen das Liebespaar zu drängen. Foto: Sascha von Gerishem
Astrid Bramming versuchte erfolglos sich zwischen das Liebespaar zu drängen. Foto: Sascha von Gerishem

Dritter Stopp war in der evangelischen Stadtkirche. Das Publikum nahm auf der Empore Platz und beobachtete zunächst Julia und Joy vor den Kirchenfenstern auf der gegenüberliegenden Seite. Plötzlich hörte und entdeckte man etwa Celine Kammin, Musikpädagogin und Joys Schwester, in einem der runden Kirchenfenster sitzen. Vater Jürgen Kammin saß ein Fenster weiter und intonierte fleißig mit. Ein tänzerisches Spiel mit den Bankreihen begann, mittlerweile wurde zu viert getanzt. Zur musikalischen Unterhaltung wurden neben der gesungenen Geräuschkulisse auch der Flügel und eine Posaune eingesetzt. Weiter ging es unten in der Kirche, kleine Accessoires, wie ein Hut und eine goldene Handtasche, kamen beim getanzten Dialog von Astrid und Joy zum Einsatz. „Entschuldigen Sie, das ist mein Platz, ich sitze hier jeden Sonntag!“, sagte Joy Kammin, bevor im Tanz weiter um den Platz gestritten wurde.

Auf dem Weg zur vierten und letzten Location ging es in Richtung Friedhofskapelle. Der Tross der wandernden Zuschauenden wurde jedoch noch vor dem Spielplatz Schmittenbusch von einem Kartonwesen mit Gummistiefelfüßen und Handschuhaugen überrascht. Nicht nur die vielen jungen Zuschauenden lachten. Allgemeine Erheiterung. Man folgte dem Wesen zum letzten Etappenziel.

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Dort standen Joy und Julia, ihre Gesichter waren hinter Spiegeln verborgen, in denen man sich selbst, die Blätter, den Himmel oder jemand anderen sah. Es wurde zu einem Kennenlernen und Begreifen der Person hinter dem Spiegel. Wenn zunächst auch mit dem eigenen Spiegelbild getanzt wurde. Muss man sich lieben, um andere lieben zu können? Die Station endete mit Tänzer*innen auf der Wiese. Zunächst ein Spaziergang, dann Tai-Chi und dann ausgelassenes Gerenne mit Purzelbäumen und Herunterrollen. Und saßen dann in Zeitlupe beisammen, klatschten und tanzten.

Das Publikum, das es sich dazu im Gras gemütlich gemacht hatte, applaudierte begeistert, als das Spektakel vorbei war. Fotos wurden geschossen, es wurde gratuliert, Blümchen wurden überreicht.

Die einzelnen Stationen zu beschreiben ist schwierig, da die Performances sehr viele Sinne gleichzeitig ansprechen und dann auch noch mit diesen gespielt wird. Man muss es erleben. Daher auch aus Sicht der Erlebenden Dank an den Bergischen Kulturfonds, der das Festival erneut finanziell gefördert hat. Zeitgenössischen Tanz muss man erleben, wunderbar, dass es es hier erneut ging. Insgesamt waren mehr als doppelt so viele Zuschauende, oder Erlebende, dabei als im vergangenen Jahr. Wenn es im nächsten Jahr hoffentlich eine dritte Auflage gibt, wird es sicher eng. Wir drücken fest die Daumen.

Workshops am Sonntag

Wen das Bewegungsfieber gepackt hat, kann am Sonntag in Workshops mit den Tänzer*innen noch eigene Erfahrungen sammeln oder diese mit einfließen lassen. Alle Infos zu den Workshops und Anmeldemöglichkeit unter www.tanzt.jetzt.