Exit? Exit!
Exit? Exit!

„Exit-Strategie“ – das Wort der Stunde. In diesen Tagen wird von Bundes- und Landesregierung ein Fahrplan zur Aufhebung des Shutdowns erwartet. Wir alle hoffen ungeduldig auf eine Zeit, in der wir einander wieder richtig begegnen und unserer Erwerbsarbeit nachkommen können.

Die „Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina“ (wer hat zuvor jemals von diesem Club gehört?) hat der Regierung „Kriterien und Strategien zur allmählichen Rückkehr in die Normalität“ anempfohlen. Rückkehr. Normalität. Echt jetzt? Es heißt doch allerorten, die Folgen dieser Pandemie würden unser Leben ziemlich verändern. Wird das nun doch nicht so sein?

Bei aller Not und Verzweiflung hat die Corona-Krise uns auch die Gelegenheit gegeben, aufrichtig Solidarität und Mitgefühl, mithin Nächstenliebe zu praktizieren. All jenen Dankbarkeit zu zeigen, die die Versorgung des Landes aufopferungsvoll aufrecht erhalten, sich um andere kümmern. Zur „Normalität“ in unserer Gesellschaft gehörten Empathie und Dankbarkeit in diesem Ausmaß vor der Pandemie nicht.

Also rekultivieren wir bald wieder Egoismus und menschliche Kälte? Back to business as usual?

Das wäre fatal, denn der Ausnahmezustand bietet uns eine existenzielle Chance – nämlich den Geist der Welt zu revolutionieren. Indem das Virus dafür sorgt, dass der ganze Wahnsinn einmal anhalten muss, haben wir die Möglichkeit, innezuhalten und auf das zu schauen, was wir einander und der Erde antun. Und uns schließlich die Frage zu stellen: Wollen wir so weitermachen? Dürfen wir so weitermachen?

Dürfen wir blind dem Primat der Ökonomie folgen, der Korruption und Gier der Mächtigen in der Welt tatenlos zusehen? Dürfen wir für unseren Wohlstand die zahllosen Ungerechtigkeiten, Ausbeutungen und Zerstörungen im Kontext des globalisierten Kapitalismus ausblenden? Dürfen wir sie durch unsere Konsumentscheidungen, durch unseren Lebensstil fördern? Dürfen wir das Ausgrenzen von Menschen, die faktische Aussetzung von Asylrecht in Europa, Hetze und Verfolgung stillschweigend hinnehmen?
Jesu Antwort wäre klar. Er selbst hat sein Leben dafür gegeben, den Geist der Welt zu erneuern. Wir Christen haben von ihm den Auftrag, dazu beizutragen, dass mehr Gerechtigkeit, Frieden und Liebe in die Welt kommen. Dass die Schöpfung bewahrt wird. Allein, das wird nicht einfach so in die Welt kommen. Dafür muss jede/r von uns einen Beitrag leisten. Mit Annahme, Hingabe, Zuversicht und Vertrauen (wie einfach das klingt, denke ich da). Das Corona-Virus kann man auch verstehen als eine drängende Aufforderung an uns, diesem Auftrag nachzukommen.

Wenn wir diese Krise als eine solche Chance begreifen würden, und nach ihr nicht einfach da weitermachten, wo wir temporär aufgehört haben, dann könnten wir das Unsere dazu tun, dass sich unser aller Leben tatsächlich verändert.

Die Hoffnung darauf kann man mit Fug und Recht naiv nennen (Träum weiter!, höre ich aus allen Richtungen, einem Kanon gleich).

Aber Menschen, die nicht hoffen, nicht träumen, nicht glauben, haben die Welt noch nie verändert. Glauben wir Christen nicht alle an das Unglaubliche? (Die Stimmen des Kanons verstummen beleidigt) Und während ich diese Gedanken formuliere, fällt mir ein Beitrag der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy in der ZEIT in die Hände (Es gibt keine Zufälle, hören Sie mich an dieser Stelle murmeln). Hier schreibt sie:

„Nichts wäre schlimmer, als wieder zur Normalität zurückzukehren. […] Die Pandemie ist ein Portal, ein Tor zwischen einer Welt und der nächsten. […] Wir können uns entscheiden, hindurchzugehen und dabei die Kadaver unserer Vorurteile und unseres Hasses hinter uns herzuschleppen, unsere Habgier, […] unsere toten Flüsse und verqualmten Himmel. Oder wir können leichten Schrittes hindurchgehen, mit wenig Gepäck, bereit dazu, uns eine andere Welt vorzustellen. Und bereit, für sie zu kämpfen.“

Das, genau das ist die Exit-Strategie, die wir brauchen. Trauen wir uns, leichten Schrittes, von Hoffnung getragen. Das wär doch was!

Andy Dino Iussa, 14. April 2020
EngagementKultur
Katholische Pfarrei St. Bonaventura u. Hl. Kreuz, Remscheid