Die tiefe Glocke wurde erfolgreich fürs Beiern verkeilt. Foto: Sascha von Gerishem
Die tiefe Glocke wurde erfolgreich fürs Beiern verkeilt. Foto: Sascha von Gerishem

Heiligabend, 14 Uhr. Den ganzen Tag war es noch nicht richtig hell, der Himmel ist dunkelgrau, hin und wieder zieht ein Schauer über Remscheid. An der evangelischen Kirche in Lüttringhausen trifft sich pünktlich der harte Kern der Beiersleute, heute verstärkt durch einen „Neuen“, Sascha von Gerishem ist zum ersten Mal dabei. Ein weiterer Neuling wird für den frühen Morgen des ersten Weihnachtstages erwartet. Zwei Frauen sollen um 16 Uhr dazukommen.

Die Vorbereitung

Und schon geht es aufwärts, Richtung Kirchenglocken. Von der Empore aus steigt man über Treppen noch zehn oder zwölf weitere Höhenmeter hinauf zur „Beierstube“. Die Glocken hängen noch eine Etage höher, für unter Höhenangst Leidende, zu denen sich der Berichterstatter leider zählen muss, eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Aber das ist auch gar nicht nötig, denn die sechs anwesenden jungen Männer verkeilen die drei Glocken schon alleine. „Der Klang ist wichtig“, sagt Felix Nolzen, der Koordinator dieses jahrhundertealten Brauchs, der die christlichen Gläubigen zum Gottesdienst rufen soll.

Dann geht es los

Punkt halb drei stehen drei Beiersleute an drei Seilen, die die Klöppel in den Glocken zum Anschlagen bringen. Wie bei einem Rockkonzert wird gezählt: Eins, zwei, drei, vier. Und los geht’s. Von Null auf Hundert in null Sekunden. Es wird laut in der kleinen Stube unter den Glocken, in der die einzige notdürftige Wärme von den Kerzen des aufgestellten Weihnachtsbaums kommt. Wer nicht beiert, friert.

Die kleinste der drei Glocken schlägt vier mal in einem Takt, die mittlere zweimal, die große einmal. Um den Klöppel der großen Glocke zu bewegen, ist schon ein gewisser Kraftaufwand nötig. Aber gute Technik ist hier eher gefragt als bloße Kraft. Am einfachsten ist es, die mittelgroße Glocke zum Läuten zu bringen. Die Seile haben Knoten, um die Griffhöhe für die unterschiedlichen Beiers-Leute auch optisch deutlich zu machen. Alle sechs bis sieben Minuten erfolgt eine Ablösung.

Irgendwann bekommt der stetig sich wiederholende Rhythmus etwas Hypnotisches; Minimal Music zum Fest. Gelegentlich hören erfahrene Ohren kleine Abweichungen, ansonsten geht es dreißig Minuten lang so weiter. Auch die Reichung eines hochprozentigen Getränkes durch Felix Nolzen kann das rhythmische Geläut nicht unterbrechen. Der Berichterstatter darf drei Minuten an der mittleren Glocke mitbeiern, verzichtet aber auf den Schnaps. Auch Sascha erwirbt rasch erste Beierkenntnisse und verzichtet mitnichten auf das kleine Getränk.

Irgendetwas, womöglich der Klang einer Glocke, gefällt dem Koordinator nicht, und er muss noch einmal in den Glockenturm. Da darf man keine empfindlichen Ohren haben.

Nach zwanzig Minuten hört man Ober- und Untertöne. Auch scheinen andere Instrumente mitzuspielen. Akustische Halluzinationen.

Der erste Durchgang des Beierns endet um fünfzehn Sekunden vor 15 Uhr. Kurz an die frische Luft, durch die mehr als vollbesetzte Kirche, deren Besucher auf den Beginn des Weihnachtsgottesdienstes warten. Das Beiern scheint sich gelohnt zu haben. Nach dem Gottesdienst werden die nächsten Gläubigen gerufen. Danach noch eine halbe Stunde beiern, „als Rauswerfer“, wie Felix Nolzen schmunzelnd anmerkt.

Und morgen Früh, am ersten Weihnachtstag, treffen sich die Beiersleute wieder, unter ihnen auch Sascha. Für manche Mitmenschen wäre das eine Strafe (nicht Sascha, aber die Uhrzeit). Die Glocken werden um halb fünf erklingen, und dann nach dem Gottesdienst, der um sechs Uhr beginnt, noch einmal. Danach mag der Glockenturm wieder verwaisen, zumindest bis zum nächsten Weihnachtsfest.