Hinter der Bühne. Foto: Sascha von Gerishem
Hinter der Bühne. Foto: Sascha von Gerishem

Die Hoffmann über das Theaterstück „Renaissance und Anachronismus“ von Christian Wüster, aufgeführt im Leibniz-Gymnasium in Lüttringhausen.

Kunst schaffen, Theater spielen ist eigentlich mein Steckenpferd und liebstes Hobby. Aber es kann einen auch an die persönlichen Grenzen bringen, zumal es bei mir (leider) nicht der Hauptberuf ist.

Neues Genre: Episches Theater

Vor knapp einem Jahr sagte ich meinem Theaterkollegen und Autor bei der Volksbühne, Christian Wüster, zu, in seinem neuen Stück „Renaissance und Anachronismus“ eine Rolle zu übernehmen. Es sei ein Experiment, ein ganz neues Genre, an dem er sich versuche: Episches Theater.

Renaissance und Anachronismus. Foto: Sascha von Gerishem
Renaissance und Anachronismus. Foto: Sascha von Gerishem

Heute vermute ich, dass ich nicht richtig zugehört habe, vielleicht Alkohol im Spiel war oder ich mich in einem Rausch totaler Selbstüberschätzung befand. Und so geschah es, dass ich mich kurz vor den Sommerferien in einem Probenraum wiederfand und ich das neue Stück erstmals bewusst mit den Schauspielkollegen las.

Sorge kam auch hier noch nicht auf. Es würde sein wie immer: zwei bis drei Leseproben, dann Stellproben, der Text würde sich dann langsam ins Hirn schleichen, ganze Passagen lernten sich beim Spielen auswendig.

Dem war nicht so, außerdem realisierte ich allmählich, dass ich in wirklich jeder Szene auf der Bühne mit Text war und da die Tage schon kürzer wurden, war der Absprung vom sich immer schneller drehenden Theater-Karussell nicht mehr möglich.

Hinter der Bühne. Foto: Steph Hoffmann - www.die-hoffmann.de
Hinter der Bühne. Foto: Steph Hoffmann – www.die-hoffmann.de

Es war vielleicht die Tatsache, dass ich in den Augen von Autor und Regisseur Christian Wüster nie das P für Panik in den Augen las, auch der Zuspruch der Kollegen tat gut, außerdem saß bei denen der Text auch noch nicht. Ich redete mir Abend für Abend ein, dass ich seit Beginn meiner Schullaufbahn ein Drucklerner war, das würde schon alles gut werden…. Wurde es aber nicht.

Und dann: Panik!

Knappe zwei Wochen vor der Premiere hoffte ich auf ein Anhalten der Uhren, der Welt, eine göttliche Eingebung (welch ein Wortwitz, ich spielte einen Engel), schlicht irgendetwas, was die Premiere um ein gefühlt weiteres Jahr verschieben würde. Leider auch hier: Die Erde dreht sich weiter, ich hatte keinen Plan B.

"Hören Sie? Wir sind jetzt Nihilisten!" Foto: Steph Hoffmann - www.die-hoffmann.de
„Hören Sie? Wir sind jetzt Nihilisten!“ Foto: Steph Hoffmann – www.die-hoffmann.de

Aber Plan K, N und D waren auf einmal da in Form von Krücken und Netz und doppeltem Boden. Ich musste mir Hilfen auf der Bühne schaffen, auf die ich zurückgreifen konnte. Eigentlich ist das gar nicht mein Ding und es schnitt tief in meine Schauspielerehre, aber besser als ein totales Versagen war es allemal. Wenn ich sie später nicht bräuchte, umso besser.

Seelenheil

Und dann sitzt du da, hinter dem noch geschlossenen Vorhang und in deinem Hirn herrscht die totale Leere, du weißt nicht mal mehr den eigenen Namen, meine Mitspielerinnen gehen ihren Text noch einmal durch, da ist dieses eine Wort aus ihrem Text: Seelenheil und da ist die eine, einzige Frage, die dir noch durch den Kopf geht: Was mache ich hier eigentlich, warum sitze ich hier, eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt wäre in diesem Moment das einzig Richtige und mein persönliches Seelenheil, wenn ich nur tauschen dürfte.

Während der Aufführung. Foto: Sascha von Gerishem
Während der Aufführung. Foto: Sascha von Gerishem

Und dann öffnet sich der Vorhang, du atmest einmal aus, springst ins kalte Wasser und schwimmst, schwimmst bis zum Schlussapplaus, der dich noch lange trägt und entschädigt für Schweiß, Blut und Tränen, der dein „NIE WIEDER!“ negiert und dich weiter antreibt, es wieder zu tun.

„Theater muss weh tun!“, haben wir bei der Neuen Bühne Remscheid mit dem (leider schon verstorbenem) Regisseur Klaus G. Hendl immer gesagt, aber Theater, ob als Schauspieler oder Zuschauer, kann ein wahres Seelenheil sein.

Applaus. Foto: Nicole Dahmen
Applaus. Foto: Nicole Dahmen

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