"Sie müssen meine vielen Fragen verzeihen, ich bin noch nicht so lange tot." Foto: Peter Klohs

Die erste Aufführung eines Theaterstückes. Renaissance und Anachronismus von Christian Wüster, aufgeführt vom WÜSTheatER im Leibniz-Gymnasium in Lüttringhausen.

Man braucht in der Kultur keinen Bombast, um Qualität zu erzeugen. In der Musik nicht, bei bildenden Künsten nicht – und im Theater auch nicht. Großartige Showeffekte können hinderlich sein, halb- oder quasiphilosophische Ergüsse, dargeboten in fragwürdiger Lautstärke, können blenden. Man kann viel falsch machen, gerade als Regisseur oder Autor eines Theaterstückes.

Wie man es anders macht, beweist Christian Wüster mit seinem Theaterstück „Renaissance und Anachronismus“, ein mit acht Laien-Schauspielerinnen und -schauspielern besetztes… ja was? Eine Komödie ist es nicht, eine Farce ebenso wenig. Das Stück eine Tragödie zu nennen ist auch verfehlt. Braucht man eine Schublade? Wenn ja, ich weiß keine.

„Ein hervorragendes Antikriegsstück. Mutige Dialoge, Monologe die zum Nachdenken zwingen.“ – Fritz Beinersdorf

Und das ist einer der positiven Punkte, die es über dieses Theaterstück zu sagen gibt: Es entzieht sich einer Kategorie. Schön zu beobachten bei der „ersten“ Premiere des Stückes am Morgen des 24. Januar in der Aula des Leibniz-Gymnasiums, eine Aufführung nur für Schüler. Da lachen die Besucher über irgendetwas – und schweigen drei Zehntelsekunden später betroffen, weil ihnen das Lachen im Hals verkümmert ist.

Die Engel streiken

Wir haben an dieser Stelle ausführlich über den Inhalt von „Renaissance und Anachronismus“ berichtet und wollen uns hier nicht wiederholen. Nur kurz dies: Die Engel, die den Tod und die Gestorbenen verwalten, wollen wegen erhöhten Arbeitsaufkommens streiken. Darf man das? Wie wirkt sich ein Streik der Engel auf die Menschheit aus? Soweit.

Der Mensch selbst ist ein Anachronismus. Viele Zitate und Aperçus begreift man in ihrer vollen Tiefe, wenn man das Stück zweimal ansieht. Hier einige prägnante Beispiele:

  • „Nihilismus ist feige!“ – „Ich weiß, dass er feige sein KÖNNTE.“
  • „Jedes Lebewesen ist ständig in Bewegung. Das ist der Sinn des Lebens.“
  • „Die Entdeckung Südamerikas hat zu großen Verlusten geführt.“
  • „Wir sind nur ein Sandkorn. Aber viele Sandkörner ergeben die Wüste.“
  • „Wir sind hier in der Ewigkeit und zweifeln den Sinn des Massensterbens an.“
  • „Lasst uns Humanität nicht den Menschen überlassen.“

Genug.

Die Hinwendung des Stückes von – wie man hinterher zu verstehen glaubt – der beinahe unerträglichen Leichtigkeit des Engelseins zur Beinahe-Katastrophe des Endes inklusive weiser, kluger und weitsichtiger Worte ist bemerkenswert. Die Mitteilung aus dem Radio niederschmetternd. Hat der Nihilist (durch Sascha von Gerishem goldrichtig besetzt und mit einer Art morbider Selbstverständlichkeit verkörpert) Recht? Ist alles „egal“? Ist mit dem Anfang der Menschheit alle Hoffnung zu Grabe getragen? – Nur wenige Fragen, wo sich doch nach Besuch des Stückes mindestens tausend aufdrängen.

Selbst die Explosion einer Atombombe ist im Stück integriert, an der richtigen Stelle, angemessen sensationell ohne als Schaueffekt zu verkommen, schlicht beeindruckend und atemberaubend.

Mit Herzblut und Bühnenpräsenz

Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind mit Herzblut dabei, man spürt es in jeder Minute. Hin und wieder kommt eine Stimme etwas dünn daher, aber sind Engel vielleicht fehlerlos? Stephanie Hoffmanns Bühnenpräsenz allein ist den Besuch des Theaterstückes wert.

Christian Wüster hat für sein Stück eine eigene Theatergruppe ins Leben gerufen: WÜSTheatER. Er arbeitet bewusst mit Laiendarstellern. Seine Anweisungen sind geprägt von Verständnis ohne die Notwendigkeiten zu vergessen. Er hat die Rollen vorzüglich besetzt. Er hat sehr viel richtig gemacht.

All das spüren auch die Schülerinnen und Schüler, die das Stück zum ersten Mal sehen. Sie schweigen erschrocken, sie lachen hier und da befreit, man spürt sie denken. Das mag andauern.

Die nächste Aufführung

Passenderweise hat der Nihilist die letzten Worte zu sagen. Und so können wir nur den Besuch von „Renaissance und Anachronismus“ empfehlen. Und wir tun dies mit all dem uns zur Verfügung stehenden Herzblut. Die nächste Aufführung ist für den 15. März 2020 im CVJM-Haus in Lüttringhausen im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus angekündigt, präsentiert von der Aktion Muteinander.

Noch was vergessen? Achja, der Nihilist. Seine letzten Worte waren: „Schluss jetzt. Ende!“

Eintrittskarten

Eintrittskarten für die Aufführung am 15. März 2020 um 16 Uhr im CVJM Lüttringhausen (Einlass ab 15.30 Uhr), Gertenbachstraße 38 in 42899 Remscheid-Lüttringhausen gibt es zum Preis von 10 Euro hier:

  • Isa’s Dorf-Shop, Richthofenstraße 22, 42899 Remscheid, www.isas-dorf-shop.de
  • Lüttringhauser Anzeiger, Gertenbachstraße 20, 42899 Remscheid
  • Online auf der Webseite vom WÜSTheatER: www.wuestheater.de

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here