Bild von Alejandro Piñero Amerio
Bild von Alejandro Piñero Amerio

Im Folgenden ein kleines Stück für all jene unter uns, die Sehnsucht nach der Landschaft haben, aus der sie selbst oder ihre Vorfahren stammen. Für alle, die in dieser Zeit nicht an ihre geliebten Orte reisen und Freunde oder Verwandte besuchen können. Ein Stück aus “meiner” Landschaft.

Versuch über Mensch und Landschaft

Es treten auf: Mensch, Landschaft, Seele, Terroir*, die Köchin Maria

Eine Landschaft. Ein Dorf mit einer etwas heruntergekommenen Herberge. Eine steinerne Brücke, die über den Fluss führt. Diesseits der Brücke zahllose Rebstöcke, jenseits riesige Maisfelder, im Hintergrund die Berge. Mitten durch die Szenerie schlägt die strada statale 54 eine Schneise.

Weinterasse in Friaul, Foto_Andy Dino Iussa

Ein Mensch taucht auf, eine Flasche Wein und ein Glas aus der Herberge in der Hand.
Er lehnt sich an die Landschaft an. Nach einiger Zeit:

Mensch:        Erzähl mir von Dir.

Landschaft:   Warum?

Mensch:        Weil Du so schön bist. Weil ich Dich besser verstehen möchte und begreifen will, warum Du immer in mir bist. Weil ich meinen Freunden von Dir erzählen will.

Landschaft:   Dann müssen Deine Freunde selbst herkommen.

Mensch:        Aber ich möchte gerne in die Welt hinaus und Dich preisen.

Landschaft:   So einfach geht das nicht. Man kann über mich reden. Jedoch man kann mich nicht erzählen.

Mensch:        Man sagt, ich sei ein guter Erzähler.

Landschaft:   Was bildest Du Dir ein? Kommst aus der Fremde her, verlangst, dass ich Dir an einem Nachmittag mich erzähle und meinst, dann hättest Du mich verstanden.

Mensch:        Naja, zumindest einen Teil von Dir. Den ich weitererzählen könnte.

Landschaft:   Quatsch! Mich gibt es nicht in Häppchen. Und ich erzähle mich in vielfältiger Weise. Sprache allein reicht da nicht. Mich muss man hören, schauen, fühlen, riechen, schmecken und spüren.

Mensch:        Nun pluster Dich mal nicht so auf. Da will man freundlich sein, interessiert sich für Dich und Du – Du trägst die Nase hoch. (beleidigt versucht er auf Abstand zur Landschaft zu gehen. Es scheint ihm nicht zu gelingen)

Landschaft:  Und Du musst Zeit mitbringen. Genauso, wie für das Kochen hier – was im Grunde auch schon ein Teil von mir wäre.

Mensch:        Wenn ich was über die Küche hier wissen will, frage ich Maria aus der Herberge. Ansonsten kann ich auch in andere Landschaften fahren. Gibt ja genügend davon. Andere sind vielleicht offener als Du. Salute!

Der Mensch gießt Wein in das Glas und trinkt. Erst einen kleinen Schluck, dann hält er inne, nimmt einen zweiten, größeren Schluck, schaut auf das Etikett der Flasche und zieht die Augenbrauen hoch.

Mensch:        Alle Wetter! Feines Tröpfchen! Schmeckt nach…das schmeckt so…so erdig…

Landschaft:  Das will ich meinen.

Mensch:        Der Wein erinnert mich an das Brot von Maria aus der Herberge, ein wenig an die Feigen, die dort drüben wachsen und von denen ich mir jeden Abend eine klaue, an den Wind, der von den Bergen hier hinunter weht…

Landschaft:  Na also, geht doch.

Aus dem Weinfeld kommt unbemerkt das Terroir hinzu, zugleich steigt aus dem Fluss die Seele empor. Beide gesellen sich dazu.

Seele:             Marias Familie lebt seit Jahrhunderten hier, das schmeckt man an ihrem Brot.

Mensch         (zuckt erschrocken zusammen): Wer bist Du denn? Ich kann Dich nicht sehen, aber hören. Was passiert hier?

Seele:             Ich bin die Seele der Landschaft. Maria und ich, wir treffen uns oft unten im Fluss. Häufig sprechen wir über ihren Großvater. Er ist dort gestorben, als er Steine für den Ausbau des Hauses aus dem Fluss nach oben schaffen wollte. Auf nassem Stein ausgerutscht.

Terroir:          Die Feigen wachsen auch schon ewig hier. Sie haben eine ganz eigenwillige Form angenommen und sind weniger süß als anderswo.

Mensch:        Verdammt! Noch eine unsichtbare Stimme! Landschaft, was soll das?

Terroir:          Hallo?! Ich bin das Terroir.

Landschaft:  Mensch, Du wolltest mich doch kennenlernen. Die beiden gehören zu mir. Es sind zweieiige Zwillinge, aber das erkennst Du noch nicht. Trink noch einen Schluck und spür Deinen Füßen nach.

Mensch:        Was soll ich? Meine Füße stehen auf festem Grund. Und sag Deinen Zwillingen, sie sollen verschwinden, sonst…

Terroir:          Na los, einen kleinen Schluck noch; aber langsam.

Seele:             Wir haben uns einige Mühe gemacht. Auch mit diesem Wein.

Mensch:        Ihr seid ja völlig verrückt. Aber gut, bevor ich mich mit Gespenstern anlege…

Der Mensch trinkt erneut. Sehr langsam; er schließt die Augen; ein leises Lächeln huscht auf sein Gesicht.

Landschaft:  Und? Was sagen Dir Deine Füße? Spüren sie mich?

Mensch:        Ja…ja…es ist, als ob ich die Schwerkraft spürte, als wollten Wurzeln nach unten wachsen. Das fühlt sich an wie…wie so etwas wie Stärke…oder Kraft….

Seele:             Ja, Wurzeln…die Menschen hier lieben ihren Boden. Sie kennen alle seine Bedürfnisse, seine Stärken, aber auch seine Gemeinheiten.

Terroir:          In allem, was hier wächst und verarbeitet wird, schmeckt man diesen einen Boden, diese Sonne, diesen Regen und diese Temperaturstürze in der Nacht.

Seele:             Und würdest Du Maria, die Köchin anbeißen, Du würdest den gleichen Geschmack finden… Es reicht aber, wenn Du in ihre Augen schaust, ihr Lächeln wahrnimmst, während sie Dir ihr Essen serviert, wenn Du ihre Haare riechst oder…

Landschaft:  Und das ist noch immer nicht alles. In mir ist soviel – das ist größer als ich selbst.

Mensch:        Leute, das klingt grad so, als wäre das alles ein Wunder. Das glaubt einem doch kein Mensch. Man würde mich doch für verrückt halten, wenn ich von euch erzählte…Ab in die Klapse…Aber irgendwie…es fühlt sich gut an… (Er schmiegt sich an die Landschaft an)

Landschaft:  So langsam begreifst Du.

Maria kommt mit einer zweiten Flasche Wein und einem Glas aus der Herberge dazu.

Maria:            Komm! Es ist jetzt Zeit. Komm mit.

Mensch:        Ja. (zu den anderen:) Kommt ihr mit?

Seele:             Wir sind bei Dir.

Terroir:          Wir sind ohnehin immer da.

Gemeinsam steigen sie hinunter an den Fluss und setzen sich ans Ufer. Sie schauen in das fließende Gebirgswasser, das selbst schon alles gesehen und erlebt hat in dieser Gegend. Sie blicken auf die Weisheit der Steine im Wasser – ein schweigend´ Lachen ohne Hohn.
Als die Sonne unter- und der Mond aufgeht, sind sie noch immer am Ufer. Halten die Füße ins kühle, erfrischende Wasser, lachen, weinen, trinken Wein, essen gepflückte Feigen, erzählen – und träumen.

Andy Dino Iussa

*Terroir (franz. terroir m. ‚Gegend‘, von lat. terra ‚Erde‘) ist ein aus Frankreich stammender Begriff, von dem es keine eindeutige deutsche Übersetzung des dahinter stehenden Grundgedankens gibt. Je nach Interpretation beschreibt Terroir die naturgegebenen Faktoren eines bestimmten Stückes Land, welche die Eigenschaften der dort angebauten Kulturpflanzen beeinflussen. Diese werden bestimmt vom Zusammenspiel zwischen der kulturprägenden Tätigkeit des Menschen und den Bedingungen der Natur wie (Mikro-)Klima, Geologie, Gelände und Bodenbeschaffenheit. Der Begriff beurteilt somit weitgehend den Charakter, die Eigenheit und den Wert, der einem bestimmten Gebiet und seinen agrikulturellen Erzeugnissen zugeschrieben wird. [aus: Wikipedia]

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