Trotz (oder wegen) des minimalistischen Bühnenbildes konnte man sich tief ins Geschehen einfühlen. Foto: Sascha von Gerishem
Trotz (oder wegen) des minimalistischen Bühnenbildes konnte man sich tief ins Geschehen einfühlen. Foto: Sascha von Gerishem

Am Samstagabend mal wieder unbeschwert -man ist ja geimpft- ins Theater gehen, zu einer in Remscheid stattfindenden Premiere eines Remscheider Autors: Der Durchbruch, geschrieben von Christian Wüster, uraufgeführt im Westdeutschen Tournee Theater (WTT).

Die Remscheider Kultur ist gut miteinander vernetzt, man weiß was die anderen tun, aber aktive Kooperationen zum Wohl der lokalen Kunst- und Kulturszene sind leider sehr selten. Viel zu gerne möchte man mit großen Namen von kleinen Geschichten oder mit spektakulärem Getöse von etwa mangelnder Qualität ablenken. Es braucht mehr Mut, Mut zu aktiver Vernetzung, zu Kooperation, zu Zusammenarbeit.

Und genau das hat Claudia Sowa, Intendantin des WTT, nun vorgemacht. Quasi einen Durchbruch für die Remscheider Kulturszene gewagt: Die Premiere eines Stücks eines Remscheider Autors auf einer bekannten Remscheider Bühne mit einem professionellen Ensemble. Christian Wüster ist Autor und Vorsitzender der Lüttringhauser Volksbühne und leitet mit dem WÜSTheatER auch eine eigene Laien-Theatergruppe.

Die Gräueltaten der Nazis

Coronabedingt inszenierte Sowa „Der Durchbruch“ als szenische Lesung, dabei minimalistisch und dunkel. Die Bühne war komplett in Schwarz gehüllt. Fünf Stühle, ein Tisch und das farbig jeweils etwas anders nuancierte Licht zweier Schweinwerfer bildeten das Bühnenbild. Das Saallicht erlischt, das Ensemble tritt auf. Die Erzählerin setzt das Publikum ins Bild. Es ist 1962 – viele der alten Naziverbrecher haben sich das Leben genommen, oder wurden verhaftet. In einem Gefängnis in Essen wartet die bekannte Nazi-Größe Leopold Pleiditz, das Monster von Treblinka, auf seinen Prozess und vertreibt sich die Zeit mit seinem Gefängniswärter.

17 Jahre ist es her, dass das Nazireich unterging und Deutschland kapitulierte. Sechs Millionen Juden wurden von den Nazis ermordet, vier Millionen in Konzentrationslagern wie Auschwitz oder in Vernichtungslagern wie Treblinka und zwei Millionen bei Massakern der Wehrmacht. Die Nazizeit ist das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte.

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Pleiditz sitzt in seiner Zelle, ist gut gelaunt, arrogant, prahlerisch, lacht viel und laut. Björn Lenz, der Pleiditz mimt, bringt diesen eklatanten Gegensatz vom deutschen Schuldgefühl der Demokratinnen und Demokraten und dieser unbegreifbaren Überheblichkeit und Selbstüberschätzung der Nazis so echt und natürlich auf die Bühne, dass es während der gesamten Lesung im Publikum mucksmäuschenstill bleibt. Man mag sich nicht durch irgendein unbedachtes Geräusch zu erkennen geben, um dann schlimmstenfalls der Willkür des Monsters von Treblinka ausgesetzt zu sein. Pleiditz prahlt stolz und humorig mit seinen unmenschlichen Abartigkeiten.

Der Durchbruch – wenigstens der Wand

Man hört ein Kratzen, ein Schaben, im Stück öffnet sich die Wand. Pleiditz erhält überraschend und überraschenden Besuch. „Ich war Dein Gast in Treblinka“. Der KZ-Überlebende David Magen wird von Björn Lukas ebenso überzeugend dargestellt. Er, jetzt nicht mehr verfolgt, tritt seinem früheren Peiniger in dessen Zelle gegenüber, sucht nach Menschlichem, nach Antworten, hofft auf Reue, und trifft doch nur auf den Menschen, den er aus Treblinka kennt.

Pleiditz (Björn Lenz, re.) im Gespräch mit seiner Anwältin Karin von Schmelz (Claudia Sowa) im Beisein des Wärters (Björn Lukas). Thomas Ritzinger übernahm ab da den Part des Erzählers. Foto: Sascha von Gerishem
Pleiditz (Björn Lenz, re.) im Gespräch mit seiner Anwältin Karin von Schmelz (Claudia Sowa) im Beisein des Wärters (Björn Lukas). Thomas Ritzinger übernahm ab da den Part des Erzählers. Foto: Sascha von Gerishem

Lukas spielt auch den Gefängniswärter, es gibt Pleiditz‘ Pflichtverteidiger, einen zweifelhaften abgehalfterten bayrischen Anwalt im Ruhrgebiets-Exil, souverän dargestellt von Thomas Ritzinger und die zweite Anwältin Karin von Schmelz, verkörpert von Claudia Sowa selbst, die dem Monster endlich eine Arroganz entgegenbringt, die der Autor mit mehr Zeilen Text weiter hätte ausbauen können. War dem Publikum diese Szene zunächst seelische Erholung, bangte man kurz darauf ob sie das Monster womöglich noch vor der Todesstrafe bewahren könne.

Das Stück endet im letzten Zwiegespräch zwischen Magen und Pleiditz. Einer stirbt sein Leben, der andere lebt sein Sterben. Schwarzblende. Stille. Applaus. Und nach verhalltem Applaus herrscht im Theatersaal wieder Stille. Alle Zuschauenden sitzen wieder auf ihren Plätzen, denken, sinnieren, grübeln, atmen. Es dauerte ein bisschen, bis sich alle Menschen im Saal wieder gefangen hatten und wieder reden konnten, so eindrücklich war der Abend, so schwer zu ertragen die -hier nur gespielte- Naziarroganz gepaart mit abgrundtiefem Hass und grenzenloser Überheblichkeit.

Weiterer Termin

Am Freitag, 26 November ab 19.30 Uhr (Einlass 19 Uhr) (Tickets online kaufen) findet die Lesung ein weiteres Mal im WTT statt. Reservierung empfohlen, es gilt die 2G-Regel. Im Eintrittspreis von 12 Euro ist ein Freigetränk enthalten, und das braucht es, um den anschließenden Kloß im Hals herunter zu spülen. Diese Lesung sollte erlebt werden, auch dringend von Schulklassen, und das Stück es noch auf die große Bühne schaffen, richtig mit Bühnenbild und Theatralik. Das wäre dann auch ein weiterer Durchbruch – ebenfalls verdient.