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Karl Braun und seine schmerzhaften Erinnerungen an das KZ Buchenwald

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Zwei Bücher aus der Häftlingsbücherei. Es gibt Momente, zumeist ausgelöst durch die Schilderung von betroffenen Menschen, in denen man ernsthaft darüber nachdenkt, ob das Überleben des Zweiten Weltkrieges in gewisser Weise nicht ausschließlich positiv zu bewerten ist. Die Berichte von Karl Braun lassen erahnen, dass es zuweilen auch eine Strafe sein kann. Erinnerungen können schmerzen.

Karl Braun, 93-jähriger Remscheider, erinnerte sich angesichts einer Gedenkstunde in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall am frühen Mittwochnachittag (8. Dezember) an die unselige Zeit. Er selbst bekam, nachdem er als Helfer nach dem Krieg im Konzentrationslager Buchenwald gearbeitet hatte, zwei Bücher – Ausgaben des Brockhaus – von einem anderen Helfer geschenkt. Er übergab die Bücher nun an Holm Kirsten, dem Sammlungsleiter der Gedenkstätte Buchenwald. „Das soll ein Dokument aus den schweren Zeiten sein, in denen wir gelebt haben“, sagte Karl Braun dazu.

Die ehemalige Häftlings-Bücherei in Buchenwald musste kriegsbedingt umziehen, erinnert sich Braun. Mit Hilfe eines amerikanischen Jeeps wurde der Umzug vollzogen. Die Bücher wurden im Keller des ehemaligen Hauses von Charlotte von Stein, mutmaßliche Geliebte des Dichterfürsten Goethe, gelagert. Braun erinnert sich, dass zeitgleich die ersten deutschen Jeeps hergestellt wurden. Bei diesen VW-Modellen war der Spruch im Umlauf: „Die sind so solide gebaut, dass der Fahrer bei Beschuss sterben kann, der Motor allerdings nicht.“

„Ich bin meinem Vater unendlich dankbar, dass er mich vor der Hitlerjugend bewahrt hat. Er hat allerdings nie über die Gräuelgeschichten dieser Zeit gesprochen. Und das geschah nicht aus Unwissen. Es geschah aus Scham.“

Karl Braun

Karl Braun kam am 8. August 1943 nach Weimar. Seine Mutter hatte ihn so in Sicherheit bringen wollen. Sein Vater war aktiver Soldat im 1. Weltkrieg gewesen und lebte 1943 nicht mehr. „Ich bin meinem Vater unendlich dankbar“, sagt Braun, „dass er mich vor der Hitlerjugend bewahrt hat. Er hat allerdings nie über die Gräuelgeschichten dieser Zeit gesprochen. Und das geschah nicht aus Unwissen. Es geschah aus Scham.“

Er selbst habe in seiner Weimarer Zeit immer einen qualmenden Schornstein in Richtung Buchenwald gesehen. Bereits 1943 haben die Bewohner Weimars gewusst, dass in Buchenwald schreckliche Dinge geschahen. „Geh‘ nicht in das Lager, hat man mir gesagt, die Wachen dort schießen ohne Warnung.“ Von einer Anhöhe in Weimar konnte man das Lager und tausende Menschen sehen. Zu Fuß wäre das ein Weg von etwa zwei Stunden gewesen. Späterhin verlangten die Amerikaner, dass sich 2000 Bewohner Weimars das Konzentrationslager ansehen mussten. Die Gräueltaten Hitlers sollten öffentlich gemacht werden. Karl Braun war dabei.

Spätestens bei der Schilderung der Gegebenheiten, die der Remscheider dort gesehen hat, ist es mit seiner Gefasstheit vorbei. Er weint, sichtlich noch immer betroffen von der inneren Sicht auf Menschen, die zu Knochengerippen geworden waren. Seine Hände fahren, suchend aber keinen Halt findend, durch die Luft. Noch immer schüttelt er voller Unverständnis und zutiefst traurig den Kopf über die Lagerinschrift „Jedem das Seine“. „Ich hatte eine Ausbildung beim Roten Kreuz genossen“, erinnert sich Braun, „und wenn man da einmal war, dann bleibt man ein Helfer. Ich habe mich sofort bereit erklärt, diesen Menschen zu helfen.“ Seine Schilderungen erfolgen in einfachen Worten, was dazu führt, dass sie umso mehr wirken. Das widerliche Wirken der Nazis verträgt keine glamourösen Sprachschönheiten. 

Karl Braun mit Begleitung und den Büchern. Foto: Peter Klohs
Karl Braun mit Begleitung und den Büchern. Foto: Peter Klohs

Das widerliche Wirken der Nazis verträgt keine glamourösen Sprachschönheiten.

Doch wie hilft man Menschen, die am Rande des Todes sind? „Man füttert sie“, antwortet der alte Mann erschüttert und weint wieder. „Man füttert sie. Vorsichtig, langsam und nicht zu viel. Denn sonst sterben sie, die sowieso schön näher am Tode als am Leben sind.“

Er erinnert sich an die verschiedenen Baracken im Lager, die mit ihren Aufschriften die Herkunft der Häftlinge angaben: Berlin, München, Rheinland. Er erinnert sich, dass die Amerikaner selbst das Lager nicht betraten. „Weil es dort alle Krankheiten gab, die Sie sich vorstellen können.“ Sein „Und ich habe überlebt“ ist durch sein Schluchzen kaum zu verstehen. Er erinnert sich an zuviel. Seine damals erhaltenen zwei dicken Brockhaus-Bände sollen jetzt wieder dahin zurückkehren, woher sie stammen. Holm Kirsten weiß, dass diese Bücher aus der ehemaligen Häftlingsbücherei in Buchenwald stammen. „Wir nehmen die beiden Bände genau unter die Lupe“, kündigt er an. „Und vielleicht erfahren wir durch das eingeklebte Ex Libris sogar, wem die Bücher ehemals gehört haben.“ Das Sammlungsdepot in Weimar umfasst bisher 122 Bände.

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