Burkhard Mast-Weisz, Rede zum 1. Mai 2022 in Remscheid

Burkhard Mast-Weisz, Oberbürgermeister der Stadt Remscheid/ 1. Mai 2022 – DGB Remscheid „GeMAInsam Zukunft gestalten“

Gemeinsam Zukunft gestalten

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich sehr, dass wir in diesem Jahr endlich wieder anlässlich des 1. Mai uns hier zur Kundgebung auf dem Theodor-Heuss-Platz treffen können. Zwei Jahre hat die Corona-Pandemie dies nicht ermöglicht. Zwei Jahre, die für die ganze Stadtgesellschaft eine große Herausforderung waren.

Der Unterricht unserer Kinder fand häufig nur digital statt. Viele Soloselbständige haben ihre Existenzgrundlage verloren. In der Gastronomie und im Einzelhandel haben Lockdown und Beschränkungen tiefe Spuren hinterlassen. In vielen Unternehmen musste Kurzarbeit angeordnet werden. Auf der anderen Seite waren viele Beschäftigte, so z.B. im Krankenhaus, in der Altenpflege, im Gesundheitswesen oder in den Kindertagesstätten besonders gefordert. Unser aller Dank gilt all denjenigen, die hier durchgehalten haben und unterschwierigsten Bedingungen die Versorgung und Betreuung sichergestellt haben.

Wie stark unsere Stadtgesellschaft ist, durften wir auch nach der Flutkatastrophe vom 14. Juli letzten Jahres erleben. Das Unwetterereignis hat vielen Menschen am Morsbach und an anderen Stellen in unserer Stadt ihr Hab und Gut geraubt. Häuser und Firmen standen unter Wasser, Existenzen wurden zerstört. Viele Menschen haben sofort mit angepackt. Beschäftigte in den betroffenen Unternehmen haben Tag und Nacht angepackt, um die Produktion wieder zu ermöglichen, viele haben durch Spenden und konkrete Hilfe vor Ort gezeigt, dass Solidarität in unserer Stadt kein Fremdwort ist. Das war und ist ein starkes Zeichen des Miteinanders.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Seit neun Wochen tobt der schreckliche Krieg in der Ukraine. Mittlerweile sind über 700 Geflüchtete bei uns in Remscheid. Es sind zumeist Frauen und Kinder, die ihre Partner und Väter haben zurücklassen müssen, weil diese kämpfen müssen. Ob sie einander wiedersehen werden, ist nicht sicher. Umso wichtiger ist es, dass wir alles dafür tun, um ihnen Sicherheit und Schutz zu bieten. Auch hier helfen wieder viele mit, sorgen für Unterbringung und Verpflegung, bieten Unterstützung an, laden ein. Auch hier zeigt sich die Bereitschaft vieler, nicht nur auf sich zu schauen, sondern gemeinsam Gegenwart für die betroffenen zu gestalten.

Dieser Krieg hinterlässt auch bei uns tiefe Spuren. Es ist nicht nur die Sorge, ob er irgendwann nicht mehr einzudämmen ist und zu einem Flächenbrand wird. Das wäre der Super Gau. Dann, liebe Kolleginnen und Kollegen, wäre unser Kontinent, dann wäre unser Planet nicht mehr lebenswert.

Die Sorge davor, dass der Krieg weitere Auswirkungen auf unser Leben hat, wird nicht geringer. Manche Lebensmittelregale sind leergekauft, die Sorge vor Lieferengpässen bei Öl und Gas beschäftigt viele. Auch ich mache mir Sorgen, welche Auswirkungen fehlende Energielieferungen bei uns und in unseren Unternehmen hätten. Viele der Arbeitsplätze bei uns sind im starken Maße energieabhängig. Müssen wir mit Kurzarbeit, mit Produktionsausfällen rechnen, stehen dann wieder Arbeitsplätze in Gefahr? Wir müssen schmerzhaft lernen, dass wir in einer globalen Welt leben und von dieser globalen Welt abhängig sind. Mikrochips aus Japan, Sonnenblumenöl aus der Ukraine, Öl und Gas aus Russland, viele Dinge des täglichen Lebens aus China: wenn die Welt hustet, merken wir es hier. Daher bedeutet dies im Umkehrschluss, dass wir uns nicht abschotten können, nicht nur auf unser lokales Glück schauen dürfen. In einer globalen Welt müssen wir Mitverantwortung tragen für viele Dinge, die weltweit passieren. Der herbeigesehnte Frieden in der Ukraine ist auch ein Frieden für uns, eine weitere Eskalation wäre auch eine Eskalation bei uns.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in zwei Wochen findet die Landtagswahl statt. Meine Bitte: gehen Sie wählen, nehmen Sie Ihr wichtiges Grundrecht wahr. Stärken Sie die Parteien, die für eine starke und wehrhafte Demokratie, für gegenseitige Toleranz und Respekt, für ein gutes Miteinander von Menschen aus über 120 Nationen und unterschiedlichsten Glauben in unserer Stadt einstehen. Unseren muslimischen Kolleginnen und Kollegen wünsche ich morgen ein paar schöne Festtage in ihren Familien zum Ende des heiligen Monats Ramadan und danke Ihnen und euch dafür, dass ihr heute gekommen seid. Gemeinsam gestalten wir die Zukunft unserer Stadt, jede und jeder an seiner und ihrer Stelle. Glück auf!

Peter Lange, Rede zum 1. Mai 2022 in Remscheid

Peter Lange, Vorsitzender DGB Stadtverband Remscheid/ 1. Mai 2022 – DGB Remscheid „GeMAInsam Zukunft gestalten“

Guten Morgen liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte euch im Namen des DGB Stadtverbandes Remscheid und seiner Mitgliedergewerkschaften herzlich zu unserer heutigen Maikundgebung begrüßen.   

Ganz herzlich begrüße ich unseren Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz der gleich ein Grußwort an uns richten wird, sowie unseren diesjährigen Hauptredner Dr. Hans-Jürgen Urban, seines Zeichens geschäftsführendes Mitglied des Vorstandes der IG Metall.

Als wir am 1. Mai 2019 unser Fest beendeten, ahnte noch keiner von uns was in den nächsten Jahren auf uns zukommen würde, und dass wir uns erst drei Jahre später hier wiedersehen würden.

Erst die für unsere Breiten unvorstellbare Corona Pandemie, dann die Flutkatastrophe.

Und als wenn die nicht bereits genug an schlimmen Ereignissen gewesen sei, haben wir jetzt seit dem 24 Februar auch noch einen fürchterlichen Krieg in Europa.  Es ist knüppeldick für uns gekommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Unser diesjähriges Mai-Motto, Gemeinsam die Zukunft gestalten, hat es vor dem Hintergrund der vielen Herausforderungen, von Klimawandel, Krieg, Flucht, Digitalisierung, Mobilitätswende, und einer gigantischen Ungleichverteilung von Vermögen und Privilegien in diesem Land wirklich in sich.

Bei all diesen Themen ist es unsere Aufgabe mitzugestalten und unsere Stimme zu erheben.

Zunächst aber ein paar Worte zum entsetzlichen Ukraine Krieg.

Der DGB verurteilt diesen völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg auf das allerschärfste.

Dieser Krieg ist ein Angriff auf die europäische Friedensordnung.

Er ist ein Angriff auf alle Menschen, die in Frieden und Freiheit unter der Achtung der Menschenrechte leben wollen.

Wir fordern die russische Regierung auf, die Angriffe sofort zu beenden.

Unsere Solidarität gehört den Opfern aller Kriege weltweit. Wir sagen nie wieder Krieg!!!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, 

Wir als DGB befürworten grundsätzlich die Sanktionen gegen Russland.

Ein Stopp der russischen Energieimporte bedarf allerdings einer sehr kritischen Prüfung, um größere soziale und ökonomische Schäden für Deutschland und Europa zur verhindern.

Worum es jetzt geht, ist die Abhängigkeit von russischer Energie schnellstmöglich deutlich zu reduzieren. Idealerweise könnten hierdurch die Maßnahmen gegen den Klimawandel beschleunigt werden.

Wir als Gewerkschaften setzen uns für eine noch stärkere Abfederung der Preisanstiege auf Energie ein, als dies bisher durch die Bundesregierung geschehen ist.

Ziel dieser Maßnahmen muss es sein gezielt, Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen zu entlasten.  Da diese besonders stark unter den steigenden Energiepreisen leiden.

Ebenfalls muss die Bundesregierung die energieintensiven Branchen mit schnellen zielgenauen Maßnahmen unterstützen um den Industriestandort langfristig zu sichern.

Hierzu noch ganz aktuell, die Tarifkommissionen der IG Metall Nordwest und Ost haben jetzt eine Forderung von 8,2% mehr Geld für die kommenden Tarifverhandlungen aufgestellt. 

Tarifstreit soziale Dienste

Von dieser Stelle aus möchte ich nochmal ganz besonders die Kolleginnen und Kollegen der Sozialen Dienste die von Komba und Verdi vertreten werden grüßen, und Ihnen unsere vollste Unterstützung in der aktuellen Tarifauseinandersetzung zusagen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ihr seid im höchsten Sinne systemrelevant ihr habt mehr verdient: Mehr Anerkennung, mehr Respekt und Wertschätzung.

Und dies muss sich vor allem in besseren Arbeitsbedingungen und höheren Einkommen ausdrücken. 

Ihr habt allen Grund diese Tarifauseinandersetzung selbstbewusst und entschlossen zu bestreiten.

Wir als DGB stehen hier solidarisch und unverrückbar an eurer Seite.

Betriebsratswahlen

In diesem Jahr zwischen Anfang März und Ende Mai finden die Betriebsratswahlen statt, wir bedanken uns bei all den Kolleginnen und Kollegen, die tatkräftig in den Wahlvorständen die Durchführung dieser Wahlen unter Teils erschwerten Corona Bedingungen organisiert haben.

Wir bedanken uns bei allen Kandidatinnen und Kandidaten, wir beglückwünschen die gewählten Kolleginnen und Kollegen und dort wo die Wahl noch bevorsteht wünschen wir ein gutes Gelingen.

Und wir haben in diesem Jahr noch die Wahlen zu den Jugend- und Auszubildenden Vertretungen kurz JAV in den Betrieben, hier möchte ich die jungen Leute bitten sich dafür zu interessieren und eventuell auch zu kandidieren.  Ja gerade das faszinierende und wichtig Instrument der betrieblichen Mitbestimmung können wir Gemeinsam ein wichtiges und entscheidendes  Stück Zukunft mitgestalten.

Bei den letzten Wahlen zum DGB Stadtverbandsvorstand haben wir mit Daniel Pilz endlich wieder die einen Vertreter der jungen Generation Vorstand des Stadtverbandes bekommen,

das Gewinnen der jungen Generation ist für uns bei der Gemeinsamen Gestaltung der Zukunft existentiell, denn es ist eure Zukunft um die es geht, ihr müsst euch einmischen.

Wir als Stadtverband werden euch in diesem Anliegen sich einzumischen mit aller Kraft unterstützen.

Nehmt uns beim Wort sprecht uns an.

Am 15 Mai sind Landtagswahlen, unsere Bitte an euch, geht wählen, es lohnt sich. Wie ich mich selbst überzeugen konnte haben wir fünf brauchbare Kandidaten, die alle guten Willens sind das Beste für unsere Region herauszuholen.  Auf Kandidatinnen müssen wir aber noch 5 Jahre warten.

Es gäbe von hier aus noch vieles zu sagen, aber unter den Vortragenden herrscht eine gewisse Arbeitsteilung, und wir wollen nicht alles mehrfach erzählen.

Glück auf!

Hans-Jürgen Urban, Rede zum 1. Mai 2022 in Remscheid

Dr. Hans-Jürgen Urban, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall / 1. Mai 2022 – DGB Remscheid „GeMAInsam Zukunft gestalten“

Schön, euch zu sehen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Schön, Euch zu sehen!

Es tut gut, wieder gemeinsam den 1. Mai zu begehen. Mit Masken aber frohen Mutes und entschlossen, sich zurückzumelden! Das ist gut so. Die Zeit, in der wir leben, braucht keinen Rückzug ins Privat. Sie braucht gemeinsames Handeln und Solidarität – heute mehr denn je!

Nein zum Angriffskrieg Putins – und nein zu einem neuen Rüstungswettlauf!

Aber was wir vor allem brauchen ist: Frieden! Der russische Präsident Putin hat einen völkerrechtswidrigen Krieg vom Zaun gebrochen. Die Bilder von Zerstörung und den Verbrechen, von Vertreibung und Flucht sind kaum zu ertragen. Wir Gewerkschaften stehen an der Seite der ukrainischen Frauen, Männer und Kinder, die leiden und um ihr Leben fürchten.

Zugleich stehen wir an der Seite aller Russinnen und Russen, die für ein demokratisches und friedliches Russland eintreten!

Und: Wir sagen ja zu den wirtschaftlichen Sanktionen. Aber diese Sanktionen müssen zielgenau und in den Folgen abschätzbar ausfallen. Nicht die eigene Wertschöpfung, aus der die Solidarität mit der Ukraine bezahlt wird, sondern die Privilegien der russischen Machthaber und Oligarchen sind das Ziel.

Und: Nicht die russische Bevölkerung und nicht die russische Kultur, sondern diese korrupte Politik- und Wirtschaftselite sind unsere Gegner. Sie reden von Patriotismus, aber sie plündern das eigene Land aus und sammeln Milliarden auf ihren ausländischen Konten. Sie reden vom Brudervolk der Ukraine, aber sie lassen die ukrainische Bevölkerung vergewaltigen, foltern und töten! Wir schauen hinter die Kulissen der Propaganda. Gemeinsam mit der zivilisierten Welt fordern wir von Putin und seiner Entourage: Die Waffen nieder – beenden Sie diesen Krieg!

Die territoriale Integrität der Ukraine muss wiederhergestellt und gesichert werden. Die Kampfhandlungen müssen durch einen sofortigen Waffenstillstand beendet werden. Das ist das Gebot der Stunde!

Kolleginnen und Kollegen,

wir haben die Menschen in und aus der Ukraine unterstützt. Wir haben für humanitäre Projekte gespendet, haben gewerkschaftliche Einrichtungen für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, und unzählige Betriebsräte haben Konvois mit Versorgungsgütern in die Ukraine in Gang gesetzt. Das ist Solidarität konkret – und die brauchen wir dringlicher denn je! Aber was wir nicht brauchen, ist ein Rückfall in die Logik der Aufrüstung.

Putin erklärt immer wieder: Nicht Deutschland oder die Europäische Union, sondern die USA und die Nato seien der Feind. Schon heute überschreitet der Rüstungsetat der Nato den russischen um mehr als das Zwölffache. Das hat Putin offensichtlich von seinem Angriffskrieg nicht abgehalten! Auch in Deutschland ist der Aufrüstungsreflex keine zielführende Antwort.
In 2021 betrug der deutsche Rüstungsetat 52 Milliarden Euro. In den letzten fünf Jahren erhöhte er sich um mehr als 20 Prozent – von solchen Steigerungsraten können Pflegekräfte oder Erzieher nur träumen, von Rentnerinnen und Rentnern ganz zu schweigen. Ohne Vorlauf und Debatte hat Olaf Scholz einen einmaligen Aufrüstungs-Booster angekündigt. Geplant ist ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro, das auch noch Verfassungsrang erhalten soll.

Der Verteidigungshaushalt soll dauerhaft auf über zwei Prozent des BIP angehoben werden.
Das wäre eine Erhöhung auf mehr als 70 Milliarden Euro jährlich.

Kolleginnen und Kollegen! Wo soll das enden?

In einem neuen Rüstungswettlauf, der die Milliarden verschlingt, die wir für den ökologischen Umbau und den sozialstaatlichen Ausbau dringend brauchen? Wird die Welt sicherer, wenn die Nato ihre militärische Überlegenheit auf das Dreizehn- oder Vierzehnfache ausbaut? Kein Zweifel: Wer das Recht auf Landesverteidigung akzeptiert, muss auch ein entsprechendes Militärbudget akzeptieren.

Aber ich frage den Bundeskanzler: Warum ist dies mit 52 Milliarden Euro nicht möglich?
Wo fließt das Geld hin? Wer verdient daran?

Nein, Kolleginnen und Kollegen! Auch im 21. Jahrhundert, auch angesichts der russischen Aggression gilt: Eine Europäische Sicherheitsordnung braucht mehr als neue Rüstungsmilliarden. Sie braucht Rüstungs-Kontrolle und Abrüstungs-Verträge, die überwacht werden und bei Verstößen sanktioniert werden. Und sie braucht Demokratie!

Ohne Regierungen, die Menschenrechte und friedliche Konfliktaustragung achten, wird Frieden nicht zu sichern sein. Und diese Bedingungen lassen sich nicht herbeibomben – auch nicht mit einem Sonderprogramm von 100 Milliarden im Grundgesetz.

Und, Kolleginnen und Kollegen, lasst mich angesichts der Bundestagsdebatte eines hinzufügen:
Man mag zur Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine stehen wie man will, aber eines muss doch klar sein:

Weder Deutschland noch irgendein anderer Nato-Staat darf zur aktiven Kriegspartei werden.
Das Risiko eines neuen Weltkrieges kann niemand verantworten. Das wäre der Super-Gau!

Ich sage: Waffen, Waffen, immer mehr Waffen, diese Steigerungslogik führt nicht in den Frieden, aber sie vergiftet das öffentliche Klima! Wenn der FDP-Politiker Alexander Graf Lamsdorff die Friedens- und Ostermärsche als „die fünfte Kolonne Putins“ diffamiert, dann zeigt das, wohin die immer weitere Militarisierung der Debatte führt. Das dürfen wir nicht mitmachen. Unser Begriff von Solidarität darf nicht auf immer schwerere Waffenlieferungen zusammenschrumpfen. Das sind wir der Sache und unserer Tradition als Friedensbewegung schuldig!

Corona ist noch nicht Geschichte

Ja, der Krieg hat Probleme wie den Klimawandel und die Corona-Pandemie in den Hintergrund gedrängt. Aber, das Virus ist noch nicht besiegt. Der Sommer wird die Lage entspannen, wir werden durchatmen können. Aber Corona bleibt ein Frontalangriff auf die Gesundheit der Menschen, und auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Die Pandemie vertieft soziale Gräben und gesellschaftliche Spaltung. Die Gefahr ist für alle gleich? Beileibe nicht!

  • Auf den Intensivstationen ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und mit niedrigem Einkommen überdurchschnittlich.
  • Und als das Virus auf dem Arbeitsmarkt wütete, gerieten vor allem befristete, geringfügige und schlecht bezahlte Jobs in Gefahr.

Auch in den kommenden Monaten müssen wir bedacht und mit der notwendigen Sorgfalt vorgehen. Ein Lockdown in Herbst und Winter muss vermieden werden.

Ja, das Theater um die Impfpflicht war wahrlich kein Meisterstück der Politik. Aber das Ziel einer möglichst hohen Impfquote bleibt auf der Tagesordnung. Zum Selbstschutz und zum Schutz der Mitmenschen. Gesundheit ist ein Menschenrecht – und die gelten in Zeiten der Pandemie. Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist es unser Job, das zu ändern!

Inflation bändigen, Löhne anheben, sozialen Ausgleich organisieren

Ja, fair und gerecht geht es nicht zu in unserer Gesellschaft. Fast 20 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten für Niedriglöhne. Das Geld endet schneller als der Monat, und bei Arbeitslosigkeit ist Hartz IV programmiert! Zugleich schießt bei etlichen DAX-Unternehmen der Gewinn durch die Decke – trotz Corona und Lieferkettenproblemen. Mitten in der Krise schütten die Dax-Unternehmen Dividenden in Milliardenhöhe aus. Auf bis zu 35 Milliarden € beläuft sich das Vermögen der reichsten Familien in Deutschland.

Kolleginnen und Kollegen! Irgendwann wird’s unanständig!

Dazu fällt mir vor allem ein Instrument ein: Ein Staat, der diese Ungerechtigkeiten hinnimmt, verliert das Recht, sich Sozialstaat zu nennen. Und das wollen, das können wir nicht hinnehmen!

Also: Nein zur Ausschüttung von Dividenden, die das ganze Geld verschwenden, das wir in den Betrieben für Zukunftsinvestitionen brauchen! Und Ja zu einer Erbschafts- und Vermögenssteuer, die auch die Reichen und Super-Reichen an der Finanzierung öffentlicher Investitionen in die Zukunft von Beschäftigung und Umweltschutz beteiligt!

Zurzeit, Kolleginnen und Kollegen, frisst die Inflation die Kaufkraft unser Einkommen auf.
Vor allem die Energiepreise laufen davon. Dem können wir nicht einfach zuschauen. Eine passende Antwort muss die Tarifpolitik geben. Im Herbst beginnt die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Andere Branchen gehen voran. Etwa die Stahlindustrie und Teile der Pflegedienste. In diesen Runden muss was rüberkommen!

Eine anständige Lohnerhöhung, verbindlich, für alle und in den Lohntabellen gesichert – das wird im Vordergrund dieser Runden stehen. Darauf können sich die Arbeitgeberverbände einstellen. Das wird kommen, und das ist gut so!

Aber, Kolleginnen und Kollegen! Die Tarifpolitik wird die Inflation nicht alleine kontern können.
Die gestiegenen Energiekosten belasten die ärmeren Haushalte prozentual stärker als die reichen. Hier muss die Wirtschafts- und Sozialpolitik korrigierend eingreifen. Die sogenannten „Entlastungspakete“ der Bundesregierung umfassen den Wegfall der EEG-Umlage, Einmalzahlungen und Heizkostenzuschüsse, eine etwas höhere Pendlerpauschale, die Anhebung des Grundfreibetrages in der Einkommenssteuer und nicht zuletzt ein 9-Euro ÖPNV-Ticket für drei Monate – insgesamt ein Volumen von 30 Milliarden Euro. Klingt gut, aber: Verteilungspolitisch ist das Ganze ein Fehlgriff.

Die Maßnahmen entlasten die oberen Einkommen stärker als die unteren. Vor allem für Rentnerinnen und Rentner fällt wenig ab! Das geht gar nicht! Das muss korrigiert und ergänzt werden! Solidarität muss vor allem den Schwächeren helfen – oder sie ist keine! Die Gewerkschaften, auch die IG Metall haben Vorschläge vorgelegt, die diese verteilungspolitische Schlagseite korrigieren. Vor allem brauchen wir einen Preisstopp für Energie, der vor allem die ärmeren Haushalte entlastet. Das ist sinnvoll, das ist machbar, und darauf bestehen wir!

#FairWandel: Natur und Beschäftigung können und müssen Hand in Hand gehen

Ja, Kolleginnen und Kollegen, Verteilungsgerechtigkeit und Sozialausgleich sind nicht zum Nulltarif zu haben. Und der ökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft auch nicht!
Klimaneutrales arbeiten, konsumieren und leben – das ist der historische Auftrag unserer Epoche. Das sind wir uns und allen nachwachsenden Generationen schuldig.

Aber auch hier gilt: Die ökologische Transformation, die wir unterstützen, muss fair und solidarisch sein. Schutz von Natur und Beschäftigung – das kann zusammengehen. Die Ersetzung von Kohle durch grünen Wasserstoff, die Umstellung vom Verbrenner- auf den Elektro-Antrieb, der Ausbau des öffentlichen Personennah- und fernverkehres – alles das ist nötig, alles das ist möglich! Dazu braucht es öffentliche Investitionen und Arbeitsmarktpolitik zum Schutz der Beschäftigung. Auf rund 500 Milliarden Euro wird das notwendige Volumen an öffentlichen Investitionen geschätzt.

Das ist eine Menge Geld, aber es ist mobilisierbar! Durch öffentliche Kreditaufnahme. Und vor allem durch eine Steuer- und Abgabepolitik, die das Geld dort abholt, wo es im Übermaß vorhanden ist:

  • bei übergroßen Erbschaften- und Vermögen;
  • bei Spitzeneinkommen jenseits der Millionen;
  • und bei Finanzeinkommen, die auf den Caymans oder anderen Steueroasen landen oder die der Fiskus steuerlich wie rohe Eier behandelt.

Wer Arbeit, Verteilungsgerechtigkeit und Natur zusammendenkt, hat uns an seiner Seite. Wer den Umwelt- und Klimaschutz gegen die Menschen wendet, der hat uns zum Gegner! Gerade in Euren Regionen, wo Zulieferindustrie, Werkzeug- und Maschinenbau eine lange Tradition haben, kann man die Transformation nicht dem Markt überlassen.

Der Stellenabbau bei Leistritz Turbinentechnik mit einem geradezu skandalös schlechten Sozialplan, aber auch die Schließung des Remscheider Werks von ThyssenKrupp zeigen, wie Transformation nicht laufen sollte!

FairWandel: ökologisch – demokratisch – sozial, mit dieser Maxime schalten wir uns ein!
Für eine intakte Umwelt, für eine intakte Gesellschaft

Solidarität über den nationalen Gartenzaun hinausdenken

Kolleginnen und Kollegen, nicht nur bei uns, vor allem im globalen Maßstab ist Gerechtigkeitsalarm angesagt. Während das reichste 1 Prozent der Weltbevölkerung 82 Prozent des Weltvermögens einsteckt, ging die untere Hälfte der Weltbevölkerung leer aus. Für sie haben sich die Probleme des alltäglichen Lebens weiter verschärft. Ausreichende Ernährung, ja selbst trinkbares Wasser sind für viele Luxusprodukte. Und der Ernteausfall in der Ukraine, der Kornkammer der Welt, wird die Situation erheblich verschärfen. Auf der einen Seite laufen die Milliarden auf dem Konto über, auf der anderen Seite kämpfen Milliarden Menschen ums Überleben.

Kolleginnen und Kollegen! Ein „Imperium der Schande“ – so hat der Ex-UN-Berichterstatter Jean Ziegler diese Weltordnung genannt. Und genau das ist sie! Ja, es geht um den Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Gerechtigkeitslücken bei uns – selbstverständlich!

Aber es geht auch um eine Weltordnung, in der alle Menschen eine Lebensperspektive haben, ganz gleich, wo sie geboren wurden. Nicht Menschenwürde und Internationalismus, sondern dieser Finanz-Kapitalismus, der Menschen verachtet, die Natur zerstört und Kriege führt, ist ein Irrtum der Geschichte. Auch das ist eine Botschaft des 1. Mai.

Wir müssen das tun – eine globale Bewegung der Solidarität

Frieden, Infektionsschutz, Verteilungsgerechtigkeit und globale Solidarität – Herkules-Aufgaben allesamt! Manchmal fragt man sich: Wer soll das alles durchsetzen, wer hat die Kraft und den Mut? Darauf gibt es nur eine Antwort: Wir!

Dabei habe ich eine Hoffnung. Vielleicht wächst in diesem Kampf ja auch die Erinnerung daran, dass wir als Gewerkschaftsbewegung einmal für ein weitergehendes Ziel angetreten sind. Für das Ziel, „… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (MEW 4: 385)

So hat es der Mann mit dem langen weißen Bart einmal formuliert. Eine Gesellschaft jenseits der Zwänge des heutigen Finanzmarkt-Kapitalismus? Ein altes Ansinnen, gewiss. Aber zugleich das aktuellste, das ich kenne.

Also: Auf geht’s!
Es lebe der 1. Mai!

OB Kurzbach fährt zum „Tag der Befreiung“ nach Gouda

Einladung der niederländischen Partnerstadt ist eine Ehre für den Vertreter der einstigen Kriegsfeind-Nation

Am Dienstag fährt Oberbürgermeister Tim Kurzbach erneut in die niederländische Partnerstadt Gouda. Im Gegensatz zum Stadtjubiläum vor drei Wochen hat dieser Besuch einen ernsten Anlass: Kurzbach wird am Nationalen Totengedenktag (4. Mai) sowie am Tag der Befreiung von der deutschen Besatzung teilnehmen, den die Niederländer traditionell am 5. Mai mit einem  „Freiheitsmahl“ feiern. An den entsprechenden „Dialog-Tischen“ im Kulturzentrum „Chocoladefabriek“ werden am Donnerstag neben Kurzbach mit Daniela Tobias vom Max-Leven-Zentrum sowie Susanne Vieten und Birte Fritsch vom Zentrum für verfolgte Künste noch drei weitere Gäste aus der Klingenstadt sitzen.

Kurzbachs Programm beginnt am Mittwoch, 4. Mai, mit der Begrüßung durch seinen Amtskollegen Pieter Verhoeve und der gemeinsamen Kranzniederlegung auf dem Alten Katholischen Friedhof. Die abendliche Gedenkfeier in der Sint-Jans-Kerk steht unter dem Thema „Freiheit in Verbundenheit“, bevor es mit einem Schweigemarsch zur öffentlichen Kranzniederlegung auf den Marktplatz geht, um der Opfer des Zweiten Weltkrieges und der aktuellen Kriege zu gedenken. Am Donnerstag, 5. Mai, geht es im neu konzipierten Widerstandsmuseum „Libertum“ in den Räumen der alten Schokoladenfabrik um  „Erinnerungskultur“ und „Freiheit“ – Themen, die die Solingerinnen sowie zwei Stiftungs-Vertreter aus Gouda im Gespräch mit Kurzbach und Verhoeve in persönlichen Statements reflektieren wollen. An den Dialog-Tischen wird beim anschließenden Freiheitsmahl mit rund 50 Jugendlichen und weiteren Gästen über den künftigen Austausch zwischen Gouda und Solingen unter Berücksichtigung der UN-Agenda 2030 und nachhaltiger Beziehungen diskutiert, bevor die beiden (Ober-)Bürgermeister ein persönliches Fazit für die künftige Zusammenarbeit ziehen möchten.

Wolf: „Respekt für die professionelle Arbeit in meinen Praktikumsbetrieben“

Zwei Betriebspraktika machte der Landtagsabgeordnete Sven Wolf Ende April: bei der Lebenshilfe im Café Achtsam durfte er Torten mit herstellen und im Pizzastudio von Andrea Sacco Pizzen belegen und servieren. Wertvolle Erfahrungen für den Abgeordneten.

„Auf Augenhöhe mit den Beschäftigten lernt man am meisten über Betriebe, über Arbeitsabläufe und über ein gutes Miteinander im Team“, betont der Abgeordnete.

„Deshalb sind mir die Praktika in Betrieben in meinem Wahlkreis so wichtig.“

Ein besonderen Einblick gewährte dem Abgeordneten die Lebenshilfe – in der Backstube und im Café Achtsam.

„Auf Augenhöhe mit den Beschäftigten lernt man am meisten über Betriebe, über Arbeitsabläufe und über ein gutes Miteinander im Team.“

Sven Wolf, NRW-Landtagsabgeordneter (SPD)

„Am Mittwoch begann mein Tag bereits früher als sonst, denn die leckeren Kuchen und das Kaffeegebäck mussten vorbereitet werden. In der Küche durfte ich mit anpacken. Wer mich kennt, weiß: Das ist für mich nichts neues. Aber mit echten Profis zu backen ist noch einmal was anderes. Meine Schicht im Café Achtsam begann dann am Vormittag am Alter Markt in Lennep. Eine super freundliches und engagiertes Team im Kaffeewerk versorgt die vielen Kundinnen und Kunden bereits seit September mit Kaffee, Tee, Kuchen oder herzhaften Quiche. Das Team sah mir auch meine Anfängerfehler nach und nahm mich sehr herzlich auf.“

Auch bei Sacco durfte der Abgeordnete nicht nur dem Chef über die Schulter schauen, sondern selbst Hand anlegen.

Nach dem Backen auch Schneiden: Sven Wolf beim Praktikum in der Pizzeria Sacco. Foto: Thomas E. Wunsch
Nach dem Backen auch Schneiden: Sven Wolf beim Praktikum in der Pizzeria Sacco. Foto: Thomas E. Wunsch

„Das Schwierigste ist der Pizzateig. Hier kommen nur traditionelle Zutaten in den Teig, aber das Familiengeheimnis wurde auch mir nicht verraten. Soviel darf ich aber verraten: Tradition und Passion werden hier groß geschrieben“, erzählt Wolf. „Ein toller Arbeitstag in einem Super-Team in wunderbar familiärer Atmosphäre.“ „Die typische Arbeitsbelastung in einem Beruf im laufenden Betrieb einmal selbst zu erleben, ist wichtig. Dann entwickelt man deinen gesunden Respekt für die Schwere einer Arbeit, für die erforderliche Schnelligkeit und Umsicht und die spezifischen Fähigkeiten, die Mitarbeitende über Jahre entwickelt haben. Ich habe tolle Kolleginnen und Kollegen erlebt und eine Arbeitsatmosphäre, wo man sich gegenseitig unterstützt und mit Humor über schwierige Phasen gut hinwegkommt“, so Wolf.

Kirchenkonzert: Barockmusik im Tannenhof

Das „Ensemble Amabile“ spielt am 8. Mai ab 16 Uhr das Konzert „Blockflötenmusik des Barock“ in der Kirche der Evangelischen Stiftung Tannenhof. Der Eintritt ist frei, eine Kollekte ist erbeten.

Nach zwei Jahren Coronapause findet wieder ein Konzert in der Kirche vom Tannenhof statt. Das „Ensemble Amabile“ bilden Martin Storbeck (Blockflöten), Ulrich Merkens (Kontrabass) und Angelika Kozonowski-Werler (Spinett). Pfarrerin Barbara Schröder-Möring trägt Texte vor, die die einzelnen Stücke verbinden.

Konzert: Piano & Voice in der Kirche

Am Sonntag, 1. Mai, findet um 17 Uhr in der Evangelischen Kirche Lüttringhausen das Konzert „Piano&Voice“ statt.

Christos Kalavitis (Klavier) und Celine Kammin (Gesang) führen durch ein Programm mit Werken von Chopin, Schubert, Scarlatti, Nicolas Economou, Szymanowski, Händel, Messiaen, Reinhold Heil, Tom Tykwer und Johnny Klimek.

Eintritt frei, der Spendenerlös soll der Ukraine Hilfe Diakonie-Remscheid zu Gute kommen.

Für eine Stunde guter Musik

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Ein 17-stündiger Trip nach Hamburg – und zurück.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diejenigen, die jetzt diese Zeilen lesen, denken: Ja mei, selbst Schuld. Wer macht schon eine siebzehnstündige Reise für nur eine einzige Stunde mit guter Musik? Die Antwort ist leicht: Ich. Jörg und ich. Vielleicht erinnern sich einige der Lesenden daran, dass wir vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren so etwas Ähnliches durchgeführt hatten: Ab in die Hamburger Elbphilharmonie wegen eines hierzulande noch wenig bekannten italienischen Jazz-Pianisten namens Kekko Fornarelli. Solche Reisen sind für uns ein Fest, starteten sie doch am Ende der 90er Jahre mit einer Fahrt zu einem Pat Metheny Konzert – nach Mailand. Wir sind es also gewohnt. Spannend ist allemal die Frage, ob uns das Alter eines Tages sagt: Genug, ihr Narren. Bleibt zu Hause oder fliegt. Solange mich meine Füße tragen, mag das Alter maulen so lange es will.

Wieder nach Hamburg

Diesmal also wieder nach Hamburg. Am Donnerstagmorgen lud mich Jörg in sein Auto ein. Um zehn Uhr Abfahrt zum Hauptbahnhof nach Dortmund. (Warum ausgerechnet Dortmund, mag man sich fragen. Berechtigt. Aber der letzte Zug – 22.46 Uhr ab Hamburg – fährt nach Dortmund über die Ruhrgebietsstrecke und nicht über die Bergische.) Wir wollen nicht zur Elbphilharmonie, aber zum unweit gelegenen Michel, der Kirche St. Michael, wie sie ordnungsgemäß heißt. Wir haben das weltbeste Gesangsoktett „Voces 8“ bereits diverse Male gesehen und gehört, auch in Remscheid, wo sie in der Lenneper Stadtkirche sangen, aber die große Klasse und die äußerst geschmackvolle Auswahl der Musik lässt uns auch reisen, um an einen solchen Ohrenschmaus zu kommen.

Gerade in Hamburg angekommen, braucht der Berichterstatter schon wieder Nikotin. Foto: Jörg Rosky
Gerade in Hamburg angekommen, braucht der Berichterstatter schon wieder Nikotin. Foto: Jörg Rosky

Die Hinfahrt erledigt sich wie im Flug. Um Viertel nach zwei sind wir am Hamburger Hauptbahnhof angekommen, haben die Masken abgelegt und den Weg zu einem riesigen Geschäft eingeschlagen, das den Namen eines Planeten führt und in Deutschland das immer noch beste (und preiswerteste) Angebot an altertümlichen CDs besitzt. Da kramen wir so 90 Minuten rum, und ich verlasse das Etablissement mit Rock und Klassik, alles dabei zwischen Grand Funk und Bach.

Im "Old Comercial Room". Gleich kommt das Riesenschnitzel. Foto: Jörg Rosky
Im „Old Comercial Room“. Gleich kommt das Riesenschnitzel. Foto: Jörg Rosky

Sodann ein mir verhasster Fußmarsch über die Mönckebergstraße hin zum Rathaus der Stadt, verhasst, weil eine eklige Muskelverkürzung mir das Wandern nicht leicht macht. Und ehe wir uns versehen – vielleicht waren es zweieinhalb Kilometer – sind wir am Michel. Direkt gegenüber gibt es ein alteingesessenes Restaurant namens „Old Comercial Room“. Das kennen wir aus früheren Reisen in die Hansestadt. Also nichts wie rein und den Hunger gestillt, Jörg mit Labskaus, ich mit einem Original Wiener Schnitzel, das auf der Platte eher die Ausmaße eines halbhohen Wiederkäuers hat. Aber wir fühlen uns gut nach Essen, Espresso und Entspannungszigarette.

Auf dem Weg zum Michel: Das Hamburger Rathaus. Foto: Jörg Rosky
Auf dem Weg zum Michel: Das Hamburger Rathaus. Foto: Jörg Rosky

Der Michel hat acht verschiedene Eingänge und ist im Inneren größer, als es von außen zu vermuten ist. Voces8 haben angekündigt, von allen Emporen der 132 Meter hohen Kirche, in der unter anderem auch Carl Philipp Emanuel Bach begraben liegt, zu singen. Was für das im Innenraum befindliche Publikum bedeutet, dass die drei Sängerinnen und fünf Sänger nicht immer zu sehen sein werden, was darüberhinaus das Fotografieren so gut wie unmöglich macht. Damit die Singenden die nächste Empore erreichen können (und zwar ohne Luftnot zu bekommen, denn Luft brauchen sie zur Ausübung ihrer Kunst), spielt der Kantor der Kirche einige Interludien.

Pünktlich um 19.30 Uhr geht es los. Das Oktett singt Hildegard von Bingen und andere Musik, die älter als 1000 Jahre ist. Und bei alter Musik wird das Programm bleiben, mit wenigen Ausnahmen: Peter Eldridge zum Beispiel, normalerweise ein amerikanischer Jazzmusiker, hat mit „Prayer“ einen hingebungsvollen Choral komponiert, der von abenteuerlichen Tonart-Sprüngen lebt und zugleich allerhöchst sensibel ist – ein Fest für jedes erstklassige Ensemble. Orlando di Lasso erklingt, sicher der berühmteste Komponist der Renaissence, dazu Monteverdi und der unnachahmliche Thomas Tallis. Die Sopranistin Andrea Haines, ansonsten die auffälligste Stimme bei Voces8, verfügt über die Fähigkeit, ihren strahlenden Sopran sozuhören zu „verstecken“, ihn im Gruppenklang aufgehen zu lassen, sich zu integrieren, nicht selbstverständlich für Musiker dieser Güteklasse. Eine Stunde vergeht schneller als im Fluge, eine Stunde, in der dreierlei aufgefallen ist: Ja, Voces8 sind das weltbeste Gesangsoktett. Ja, die Kirche St. Michael ist zu groß für einen solch filigranen Klang, weil: Ja, der Sound „verschwimmt“ im Innenraum der Kirche, die Laute „tz“ und „ss“ klingen nicht sauber, weil die Musiker annährend 50 Meter entfernt singen. Und dann ist Schluss. Mit Zugabe 65 Minuten. Aber in der Musik geht es um Qualität und nicht etwa um Quantität. Schön, dass sich Voces8 ausnehmend viel Zeit für ihr Publikum nehmen. Der musikalische Leiter des Ensembles, Barnaby Smith, steht am CD-Stand und schreibt Autogramme, Tenor und Bass stehen vor der Kirche und plaudern ungezwungen und frei von jeglichen Spleens mit ihren Fans. Nach einem Smalltalk mit Sopranistin Molly Noon („Thank you to listen to us.“ – „Thank you. It’s our pleasure to listen to you.“) machen Jörg und ich uns so langsam auf dem Weg Richtung Hauptbahnhof. Es bleibt reichlich Zeit – der Zug soll um 22.46 Uhr Hamburg in Richtung Süden verlassen. Auf halber Strecke streike ich, die Muskelverkürzung wird richtig ekelig. Also ab in die nächste U-Bahn, die uns in drei Minuten zum Ziel bringt. Also noch mehr Zeit. Der Zug kommt pünktlich, bleibt aber fünfzehn Minuten unverrichteter Dinge stehen, weil er auf Anschlussreisende wartet. Seufz. Aber um 23.02 Uhr geht’s los. Und als wir um kurz vor 2 Uhr wieder in Dortmund sind, hat der großartige ICE-Lenker die Verspätung auf 6 Minuten reduziert. Dann noch vierzig Minuten auf der Autobahn – und endlich zu Hause. Bevor ich schlafen gehe, bemerke ich deutlich, dass auch ich – welch Wunder – nicht jünger werde.

Wichtige Alben von VOCES8, mit Autogrammen versehen, LUX auf der Cover->Rückseite. Foto: Peter Klohs
Wichtige Alben von VOCES8, mit Autogrammen versehen, LUX auf der Cover->Rückseite. Foto: Peter Klohs

Anmerkung: Da wir im Laufe des Trips gemerkt haben, dass Jörgs Handy bessere Fotos machen kann als meines, hat er viele der abgedruckten Fotos gemacht. Allerdings habe ich zu spät darauf geachtet, dass auch er mal im Bild ist. Ich hoffe, er wird es mir verzeihen. Alle Fotos sind also entweder von Peter Klohs oder von Jörg Rosky.

Für Interessierte: Voces 8 sind ein Vokaloktett aus England in folgender Besetzung:

  • Barnaby Smith – Countertenor
  • Andrea Haines – Sopran
  • Molly Noon – Sopran
  • Katie Jeffries-Harris – Alt
  • Blake Morgan – Tenor
  • Euan Williamson – Tenor
  • Christopher Moore – Bariton
  • Jonathan Paicey – Bass

Das Ensemble hat ein weitgefächertes Repertoire zwischen tausend Jahre alter Musik und Jazz und zeitgenössischen Komponisten. Ihre CDs erscheinen zum größten Teil bei Decca Classics. Legendär ist eine sinnerweiternde Version des Oktetts von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ auf der CD „Winter“.

Kulturkreis.jetzt: Danke, Ulla Wilberg!

Die Tötterrunde mit den demokratischen Kandidaten der NRW-Landtagswahl 2022 war die letzte Kulturkreis-Veranstaltung unter Leitung von Ulla Wilberg, die die Leitung vom Kulturkreis.jetzt wie angekündigt niedergelegt hat. Sie hat die Leitung des Kulturkreises im Oktober 2019 nach dem überraschenden Tod von Volker Beckmann spontan übernommen.

„Ich wollte die unvollendeten Pläne von Volker Beckmann zu Ende führen und seine Dinge in Ordnung bringen, die er nicht zu Ende führen konnte“, sagt Ulla Wilberg, und genau das ist ihr auch mit Bravour gelungen. Während der Pandemie waren es vor allem Veranstaltungen vom Kulturkreis.jetzt, die den Heimatbund nicht in Vergessenheit gerieten ließen.

Kleiner Kreis mit großer Präsenz

Mit einem kleinen Kreis aktiver Mitlieder hat der Kulturkreis.jetzt in den vergangenen zweieinhalb Jahren Erstaunliches auf die Beine gestellt. „Ich danke Judith und Udo Bintakies, Ulrich Hochfeld, Michael Itschert, Ulrike Donner, Thorsten Greuling, Christiane Lamb, Christian Wüster und Sascha für ihr Engagement und ihre Zuverlässigkeit“, bedankt sich Ulla Wilberg. „Ohne Judith und Udo Bintakies wäre gar nichts gelaufen. Sie haben für den reibungslosen Ablauf unserer Veranstaltungen gesorgt, Getränke geschleppt und Stühle gerückt. Während des ersten Lockdowns haben wir gemeinsam bi-linguale Lesungen gefilmt und gestreamt. Das war eine tolle Aktion mit viel positiver Resonanz“, hebt sie noch hervor.

Dank der Kooperation mit anderen Organisationen und dem weitgehenden Verzicht auf Gagen im eigenen Kreis, konnte sparsam gewirtschaftet werden. „Ulrich Hochfeld war stets mit einem Büchertisch präsent und immer da, wenn man ihn gebraucht hat. Bemerkenswert auch die Konzerte von Ulrike Donner. Ihre pandemiebedingten Online-Konzerte fanden viel Resonanz und wurden zum Teil an die Remscheider Altenheime weitergeleitet. Präsenzkonzerte waren ebenso sehr erfolgreich. Ich möchte niemanden vergessen, also allen die immer da waren, herzlichen Dank. Vielen Dank an Christiane Karthaus und dem Vorstand vom Heimatbund Lüttringhausen für die Unterstützung und die Freiheiten, die wir hatten“, schwärmt Wilberg.

„Mein größter Wunsch wäre es, wenn der Heimatbund sich um den Bahnhof Lüttringhausen kümmern würde. Es könnte ein neues Zuhause werden. Als Mitglied im Rat der Stadt Remscheid bin ich gerne bereit zu vermitteln und Kontakte zu knüpfen. Die nächste Sitzung der Bezirksvertretung ist auf Mai verschoben worden. Bis dahin kann ein Interesse am Bahnhof bekundet werden.“

Ulla Wilberg

Ulla Wilberg wird sich nicht still zur Ruhe setzen. Als Mitglied des Remscheider Stadtrates wird sie in Remscheid weiterhin präsent sein und die zahlreichen damit verbundenen Verpflichtungen wahrnehmen. Auch dem Beirat des Heimatbundes bleibt Ulla Wilberg erhalten. Aber mehr Zeit für ihre Kinder und die vier Enkelkinder zu haben, wird ihr niemand missgönnen.

Danke, Ulla!

Ulla Wilberg. Foto: Sascha von Gerishem
Ulla Wilberg. Foto: Sascha von Gerishem

Im Anschluss an die letzte Runde Töttern wurde es leider versäumt, Ulla Wilberg öffentlich für ihr großartiges Engagement für den Kulturkreis.jetzt und den Heimatbund zu danken. Stellvertretend für den Kulturkreis möchte ich daher sagen: „Danke, Ulla! Es war eine unterhaltsame und aufregende kulturelle Reise, auf die Du uns mitgenommen hast, bunt und sehr facettenreich. Wir wissen nicht, wer die Lücke füllen wird, die Du hinterlässt. Wir wissen nur: Sie ist groß.“

Webseite: www.kulturkreis-jetzt.de
Facebook: www.facebook.com/kulturkreis.jetzt

Töttern: Die Landtagskandidaten in Lüttringhausen

Die Landtagswahl am 15. Mai wirft ihre Schatten voraus. Traditionsgemäß lädt der Kulturkreis.jetzt im Heimatbund Lüttringhausen vor einer Wahl die Kandidaten zu einer Gesprächsrunde ein, die gemeinhin unter der beliebten Rubrik „Töttern“ stattfindet. So auch diesmal.

Am Mittwochabend trafen sich fünf Politiker im CVJM-Heim an der Gertenbachstraße, um ihre Sicht der Dinge den Besuchern nahe zu bringen. Von der CDU war Jens Nettekoven dabei, Sven Wolf vertrat die Auffassungen der SPD, David Schichel vertrat die Grünen, Torben Clever kandidiert für die FDP und Peter Lange für die Linke. Thorsten Greuling moderierte die zweistündige Veranstaltung.

Corona in Pflege und Bildung

Töttern mit den Landtagskandidaten für Remscheid und Radevormwald, Moderation: Thorsten Greuling. Foto: Peter Klohs
Töttern mit den Landtagskandidaten für Remscheid und Radevormwald, Moderation: Thorsten Greuling. Foto: Peter Klohs

Wie bei vielen ähnlichen Formaten zeigten sich recht schnell die verschiedenen Politikansätze der Parteien – und deren Gemeinsamkeiten. Zum Thema „Sind wir gut durch die Coronakrise gekommen?“ fragte Sven Wolf nach dem Grund, warum die Landesregierung kleinere Krankenhäuser in Frage stelle. Was Torben Clever entschieden konterte. „Ich halte diese Diskussion für falsch“, sagte er. „Ein Krankenhaus ist nicht schlechter, wenn es privat geführt wird.“ Jens Nettekoven war sich sicher, dass am Remscheider Sana-Klinikum „nicht gerüttelt wird. Und genauso wenig am Klinikum in Radevormwald.“

Peter Lange, David Schichel und Sven Wolf (v.l.) Foto: Peter Klohs
Peter Lange, David Schichel und Sven Wolf (v.l.) Foto: Peter Klohs

Alle Politiker äußerten im weiteren Verlauf des Gesprächs ihre Sorgen, wie sich die Lage der heimischen Industrie angesichts des Krieges in der Ukraine darstellt. Peter Lange äußerte ein ehrliches: „Die Menschen in diesen problematischen Zeiten zu beruhigen, ist schwierig.“ Einig waren sich die Politiker, dass man die ukrainischen Kinder in das deutsche Bildungssystem eingliedern müsse. Und als Sven Wolf die Meinung vertrat, dass viele Schulprobleme Kommunikationsprobleme der Landesregierung seien, wurde das Töttern auf einmal doch recht heftig. „Wenn das die Meinung der SPD ist“, widersprach Torben Clever von der FDP, „dann hat die Partei seit ihrer Abwahl vor fünf Jahren nichts gelernt.“

Alle waren sich einig, dass die Kinder die großen Verlierer der Pandemie sind. „Jetzt alles auf die Schulministerin Yvonne Gebauer zu schieben, ist sicher zu kurz gegriffen“, äußerte David Schichel und erntete Zustimmung. „Wir brauchen mehr Lehrer“, äußerte Sven Wolf. „Und mehr Lohn. A 13 für alle. Und das Projekt ‚Schule 2020‘ weiterzuführen, kann nicht falsch sein.“ Alles richtig, sagte Schichel. Trotzdem müsse die Kommunikation besser werden. Clever, der jetzt nicht mehr widersprach, wies auf den Grund für die zum Teil verspätete Kommunikation hin. „Die Ministerpräsidentenrunde tagt so spät.“ Ein Anflug von Humor ergab sich zu Thorsten Greulings Frage, wie denn das Bildungskonzept der Linken aussehe und aus dem Publikum ein „Steintafeln!“ deutlich zu hören war. Peter Lange lächelte milde und ging auf den Zwischenruf nicht ein.

Schulden der Stadt

Weitere Gesprächspunkte waren die mit 600 Millionen Euro extrem hohen Schulden der Stadt Remscheid („Der Bund muss sich an der Entschuldung der Kommunen beteiligen“ – Sven Wolf) und die innere Sicherheit, zu der Jens Nettekoven eine einfache Meinung hat: „Unser Innenminister ist Herbert Reul, und deshalb mache ich mir zu diesem Thema überhaupt keine Sorgen.“

David Schichel, Sven Wolf und Thorsten Greuling (v.l.). Foto: Peter Klohs
David Schichel, Sven Wolf und Thorsten Greuling (v.l.). Foto: Peter Klohs

Auch die Hochwasser-Katastrophe des vergangenen Jahres wurde angesprochen. „Wir wären heute sicher besser in der Früherkennung“, zeigte sich David Schichel überzeugt. Während Sven Wolf sicher war, dass der Katastrophenschutz in NRW völlig neu organisiert werden müsse, wollte der FDP-Vertreter das Ehrenamt stärken. „Wenn keiner mehr hilft, kann das Krisenmanagement nicht wirksam werden.“ In der das Gespräch abschließenden Fragerunde, wie sich das Land in den nächsten fünf Jahren darstelle, zeigten sich die fünf Politiker einig: Man müsse die Industrieregion Bergisches Land mit ihren vielen Mittelständlern erhalten und trotzdem gerne hier wohnen bleiben. Das zu bewerkstelligen und den Klimaschutz einzubeziehen, die Arbeitsplätze zu erhalten und die Stadtentwicklung nach Vorne bringen, sei eine anstrengende, aber eine lohnende Vision.

Abschied vom Kulturkreis

Ulla Wilberg hat die Leitung vom Kulturkreis.jetzt nach der Veranstaltung wie vorher angekündigt niedergelegt. Lesen Sie dazu: Danke, Ulla Wilberg!